Washington /Dallas Sekundenlang ist der Amateurfilm des Textilfabrikanten Abraham Zapruder aus Dallas. Der gelegentlich unscharfe Schmalfilm-Streifen besteht aus 486 Negativen. Das Negativ mit der Nummer 313 wurde der Öffentlichkeit zwölf Jahre vorenthalten – wegen der Schockwirkung und aus Respekt vor der Familie Kennedy. Es ist eine Momentaufnahme des Grauens, die auch ein Horrorfilm kaum besser nachstellen könnte: Der Kopf des US-Präsidenten explodiert in einer Blutfontäne und wird nach vorn geschleudert, als eine der Gewehrkugeln des Attentäters Lee Harvey Oswald sein Ziel trifft.

Nation fassungslos

Die dann folgenden Sequenzen zeigen Bilder, die sich tief in die Erinnerung vieler Menschen an den schicksalhaften 22. November 1963 eingegraben haben: Ein Leibwächter springt auf das Heck der Präsidentenlimousine. Die First Lady Jackie Kennedy kriecht ihm in ihrem rosafarbenen Kostüm über den Kofferraum entgegen. Verstörte Menschen am Straßenrand, deren Jubel im Keim erstickt wurde. Und ein Fahrer, der mit dem sterbenden Staatsoberhaupt auf dem Rücksitz in Richtung des Parkland-Hospitals beschleunigt. „Der Präsident ist tot“, verkündeten wenig später Radio- und Fernsehsender in Eilmeldungen der schockierten Nation.

Die Ermordung von John F. Kennedy zählt zu einem jener wenigen historischen Ereignisse, die nicht nur Amerika bis tief ins Mark erschütterten. Auch heute, ein halbes Jahrhundert später, weckt der Mord weiter starke Emotionen und sorgt für heftige Kontroversen. Rund 2000 Bücher und zwei offizielle Untersuchungskommissionen haben sich vor allem mit diesen Fragen befasst: Handelte Oswald, der desillusionierte und einen Tag nach der Tat vom Nachtklub-Besitzer Jack Ruby erschossene Kommunist, allein oder im Auftrag? Gab es einen zweiten Schützen, der Kennedy ins Visier nahm?

Umfragen wie die des Senders ABC ergaben: 70 Prozent der Bürger glauben, der frühe Tod des charismatischen Präsidenten sei das Resultat einer Verschwörung. 1964, ein Jahr nach dem Mord, kam die von der Regierung eingesetzte Warren-Kommision zu dem Schluss: Oswald habe allein und ohne Auftrag anderer gehandelt. Doch diesem Fazit wurde 1978 von einer Untersuchungsgruppe des US-Repräsentantenhauses widersprochen: Es habe mit großer Sicherheit einen zweiten Schützen gegeben, der wie Oswald Teil eines Komplotts gewesen sei.

Den Versuch, ein mögliches Komplott zu enttarnen, übernahmen vor allem Buchautoren. Eine der populärsten Vermutungen: Es war die Mafia. Dafür werden immer wieder zwei Argumente angeführt: Die Mafiosi seien zum einen über die harte Hand des später ebenfalls ermordeten Justizministers und Präsidentenbruders Robert Kennedy empört gewesen. Man hoffte, dass dieser durch den Tod von „JFK“ Einfluss verlieren würde. Hinzu sei Verärgerung darüber gekommen, dass John F. Kennedy beim Versuch eines Umsturzes auf Kuba erfolglos gewesen sei und die kriminellen Organisationen deshalb nicht den großen Einfluss, den sie dort vor der Ära Fidel Castro hatten, zurückgewinnen konnten. Und: Jack Ruby, der Oswald im Polizeipräsidium von Dallas mundtot machte, hatte gute Mafia-Verbindungen.

CIA in Verdacht

Auch Fidel Castro rückte ins Scheinwerferlicht einer möglichen Komplott-Urheberschaft. In seinem Buch „Castros Secrets“ schildert der langjährige CIA-Angestellte Brian Latell, dass der kubanische Präsident von den Attentatsplänen Oswalds erfahren habe und diesen dann dafür trainieren ließ – als Vergeltung für die Schweinebucht-Invasion. Latrell stützt sich auf zahlreiche Informationen von Exil-Kubanern.

Beim Stichwort „Agenten“ rückte dann auch schnell die Frage in den Vordergrund, ob die CIA beim Kennedy-Mord die Hand im Spiel gehabt haben könnte. Eine der Theorien lautet, die „Schlapphüte“ könnten die Mafia mit dem „Hit“ beauftragt haben, weil sie eine Beschränkung ihrer oft schmutzigen Arbeitsweise befürchteten. Oder sie seien von Vizepräsident Lyndon B. Johnson beauftragt worden, der an die Macht wollte – und sogar im Detail die Fahrtroute in Dallas vorbei an der Dealey Plaza geplant habe. Andere Autoren gehen davon aus, dass Oswald ein CIA-Agent war und dessen Vita eines Kommunisten als Tarnung erfunden wurde. Eine These, die auch Oswalds Mutter Marguerite bis zu ihrem Tod vertrat.

Friedemann Diederichs Korrespondentenbüro Washington
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