KOPENHAGEN Bei minus 23 Grad barhäuptig, den Blick fest auf die norwegische Flagge an der Spitze seines Zeltes gerichtet. Das war der im Foto festgehaltene, große Augenblick von Roald Amundsen und seinen Mitstreitern: Sie erreichten am 14. Dezember 1911 als erste Menschen den Südpol.

Daheim bekamen die Norweger die Sensationsmeldung von der gelungenen Südpol-Eroberung vor dem britischen Konkurrenten Robert Falcon Scott mit einem ganz anderen Foto präsentiert: Hier war Amundsen allein in einem dicken Fell vor einem gewaltigen Schneeberg zu bewundern. In Wirklichkeit irgendwann vor Amundsens friedlicher Oslo-Villa als „Polar-Foto“ inszeniert, wie die Norweger jetzt in einer Jubiläumsausstellung mit dem Titel „Polarhelden-Bilder“ studieren können.

Plötzlich berühmt

„Die Polarhelden wurden über die Medien zum Teil einer ganzen Polarindustrie“, heißt es im Begleittext der Osloer Nationalbibliothek. Vermarktung war auch vor hundert Jahren kein Fremdwort für Amundsen als Promi der A-Klasse. An der Faszination dieser Pol-Eroberung nach dem höchst dramatischen Wettlauf mit Scott ändert das wenig, wie auch die Planung für den 100. Jahrestag zeigt: Für den 14. Dezember kündigt die Nationalbibliothek die „exklusive“ Präsentation von Amundsen-Briefen von der Expedition sowie – man lese und staune – von „Zeltflicken und die Konstruktionszeichnung des Zeltes“ an.

Am selben Tag will Kronprinz Haakon Amundsens Expedition im nordnorwegischen Tromsø hochleben lassen, dem Startpunkt vieler waghalsiger Polarexpeditionen. Regierungschef Jens Stoltenberg visiert den Südpol am anderen Ende der Welt selbst an und will am 14. Dezember die letzten 20 Kilometer auf Skiern absolvieren – wenigstens ein bisschen wie ein Jahrhundert zuvor sein weltberühmter Landsmann. Sage und schreibe 20 Jubiläums-Expeditionen, mehrere aus Norwegen, wollen ebenfalls möglichst an diesem Tag den Pol erreichen.

Den König belogen

Extrem schlechtes Wetter aber macht ihnen das Leben schwer. Ziemlich schwierig sah es zunächst auch für Amundsen aus, der im Juni 1910 auf seinem Schiff „Fram“ mit einer dreisten Lüge die Heimat verlassen hatte: Er wolle als erster Mensch den Nordpol erreichen und für Norwegen „erobern“, hatte er König Haakon, seinen Geldgebern, allen Norwegern und auch Scott vorgeflunkert, der erklärtermaßen auf dem Weg in die Antarktis war, um den Südpol als Erster zu erreichen.

Aber Amundsen rechnete sich klammheimlich bessere Chancen für einen Wettlauf gegen den Briten als zum viel schwieriger zu bezwingenden Nordpol aus. Das Rennen gewann er dann souverän, während Scott fünf Wochen später am Südpol ankam und hier das Zelt des Norwegers vorfinden musste.

Auf dem Rückweg starben der Brite und seine Mitstreiter an Hunger, Entkräftung und Kälte. Scott hatte auf Ponys und Motorschlitten gesetzt, die sich gleichermaßen als komplett ungeeignet für die Antarktis erwiesen. Amundsens Expedition schaffte mit Schlittenhunden und Skiern 2600 Kilometer in 99 Tagen.

Der Sieger wird bei der Heimkehr ein halbes Jahr später als Volksheld gefeiert. Seine freche Lüge in Sachen Nordpol ist ihm zugunsten nationalistischer Begeisterung längst verziehen. Während die Briten ihren tragischen Verlierer Scott beweinten, sonnten sich die Norweger darin, dass Amundsen alles einfach cleverer angegangen war als sein Konkurrent.

Alles oder nichts

Den umgekehrten Ausgang des Pol-Wettlaufs hätten sie ihm nicht verziehen. „Als Verlierer hätte Amundsen nicht nach Norwegen zurückkehren können. Für ihn war es alles oder nichts“, sagt Tor Bomann-Larsen, Biograf des Pol-Eroberers. Der Sieger aber gab seinem Land sechs Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit neues Selbstvertrauen: „Amundsen hat für das kleine Norwegen das mächtige britische Imperium geschlagen.“

Auch 100 Jahre nach der Südpol-Eroberung hält diese Wirkung nach Meinung des Amundsen-Biografen an. Rund um den Nordpol streiten mehrere Staaten, unter ihnen Norwegen, um Territorialansprüche wegen der dortigen Bodenschätze. Was Amundsens Tour zum Südpol damit zu tun hat, liegt für den Norweger Bomann-Larsen klar auf der Hand: „Sie zeigt, dass die Geschichte auf unserer Seite ist. Weil wir eben als Erste da waren.“

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