HANNOVER „Wir sind mit Rüben und Kartoffeln durch. Warum sollten unsere Traktoren nicht ein bisschen Bewegung kriegen“, schmunzelte Christoph Schäfer von der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Mit bis zu 450 Traktoren wollen die Landwirte im Wendland den Castor-Transport blockieren – friedlich, aber entschlossen. Die Bauern haben eine Zeltstadt, die ihnen die Polizei verbieten wollte, vor dem Verwaltungsgericht in Lüneburg durchgesetzt. „Astrein. So muss das sein“, kommentierte Carsten Niemann von der Bäuerlichen Notgemeinschaft die Entscheidung. Nicht nur die Landwirte rund um Gorleben sind vorbereitet. Der Castor kann kommen.

Als der Atommüll am Freitag pünktlich in Frankreich los rollte, stieg im Wendland die Anspannung. Mehr als 30 000 Demonstranten werden an diesem Sonnabend zur zentralen Kundgebung in Dannenberg erwartet – so viele wie nie zuvor in den 33 Jahren des Widerstand gegen ein mögliches Endlager. Rund 16 500 Polizisten sollen den Castor schützen. Beide Seiten riefen zu friedlichen Protesten auf. Doch die Furcht vor Gewalt ist angesichts der aufgeheizten Stimmung groß.

Der Zug mit elf Castoren aus der Wiederaufbereitungsanlage Le Hague kam bereits kurz nach dem Start im Bahnhof von Valognes erstmals zum Stehen. Fünf Atomkraftgegner hätten sich in der Nähe von Caen in der Normandie an die Gleise gekettet, sagte ein Polizeisprecher. Insgesamt seien rund 30 Aktivisten an der Aktion beteiligt gewesen. Der Castor-Transport soll spätestens am morgigen Sonntag den Verladebahnhof in Dannenberg erreichen. Von da aus geht es per Lastwagen weiter nach Gorleben.

Im Wendland wollen zunächst die Organisatoren der Anti-Atom-Kampagne „Castor schottern“ versuchen, den Atommüll aufzuhalten. Trotz der Warnungen der Polizei bleiben sie bei ihrem Aufruf, Steine aus dem Gleisbett der Transportstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg zu entfernen. „Der Castor wird nicht durchkommen“, sagte ein Sprecher. Die Polizei hat angekündigt, die Gruppe besonders im Auge zu behalten. Mittlerweile haben etwa 1700 Einzelpersonen und mehr als 280 Gruppen den Internet-Aufruf der Kampagne unterzeichnet. Die Staatsanwaltschaft Lüneburg will gegen alle Unterzeichner Ermittlungsverfahren einleiten. Die Aktivisten wollen spätestens am Sonntag früh bekannt geben, wo „geschottert“ werden soll.

Am Sonntag macht dann auch „X-tausendmal quer“ mobil. Die Organisation hat zu einer Sitzblockade in Gorleben aufgerufen und rechnet mit mehr als tausend Teilnehmern. Die Ortsdurchfahrt vor Gorleben gilt als eine der neuralgischen Punkte auf den letzten 20 Kilometern. Auch das Nadelöhr Quickborn ist bei der Polizei gefürchtet. Dort werden vermutlich die Bauern versuchen, die radioaktive Fracht aufzuhalten. „Es geht schlussendlich nicht darum, dass der Atommüll-Zug umkehrt, sondern dass die Regierung umdreht und eine andere Atompolitik macht“, fasste Jochen Stay von der Organisation „ausgestrahlt“ die Stimmung zusammen.

Die Polizei hat längst die strategisch wichtigen Punkte im Wendland besetzt und beobachtet die Aktivitäten der Atomkraftgegner – auch mit Hubschraubern. Der Landeschef der Polizeigewerkschaft GdP, Bernhard Witthaut, forderte die zahlreichen Politiker, die sich angesagt haben, auf, die Polizeiarbeit nicht zu behindern. „Die Politiker sollen uns unsere Arbeit machen lassen und sich aus der polizeilichen Einsatztaktik heraushalten“, sagte Witthaut.

Nach Angaben von Greenpeace ist die Temperatur der Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll im Vergleich zu den vergangenen Jahren gestiegen. Das hätten thermographische Aufnahmen ergeben. Jeder Castor enthalte demnach so viel radioaktives Material wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl freigesetzt worden sei. Die Gesellschaft für Nuklear-Service, die für das Zwischenlager Gorleben verantwortlich ist, teilte dagegen mit, dass die zu erwartende Strahlung weit unter den Grenzwerten liege.

Marco Seng Redakteur / Reportage-Redaktion
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