LEIPZIG LEIPZIG - „Das entschiedene Hören kehrt zurück!“ Da ist sich Barbara Stang sicher. Und dann schließt die Sprecherin des Berliner Aufbau-Verlages gleich ihre Kritik am deutschen Radio an: „Die haben doch seit Jahren nicht begriffen, dass es nicht nur den hippen Junghörer gibt, der auf Dreiminuten-Beiträge steht. Das Radio hat doch im Grunde alle verprellt, die gerne mal eine halbe Stunde lang gut gesprochene Literatur hören wollen!“

In die Lücke stießen vor Jahren Hörbücher. Anfangs belächelt und bestaunt, nun hoch geachtet. Heute gibt es längst nicht nur gelesene Bücher auf CD (MCs sind fast nur im Kinderzimmer zu Hause). Heute gibt es neben klassischer Literatur etwa auch Original-Aufnahmen des längst verblichenen Philosophen Ernst Bloch zu hören, kann man mit dem Dalai Lama dem sinnvollen Leben zustreben, der Dirne Mutzenbacher lauschen oder über das Gestotter der gestandenen Autorin Ingeborg Bachmann staunen.

Hörbücher dringen in alle Bereiche. Und alle drängen zu Hörbüchern: Der Markt ist umkämpft, fast übersättigt. 2006 will etwa auch noch der Schweizer Prosa-Riese Diogenes eigene Hörbücher in den Handel werfen. Allein in diesem Schiller-Jahr kannibalisiert sich die Branche mit parallelen Produktionen. Eine Bereinigung und Verkleinerung des überbordenden Marktes scheint nötig.

Aber noch wächst der Hörbuch-Bereich und mit ihm der große Audio-Verlag von Barbara Stang. Er ist nach dem Branchenriesen „Hörverlag“ der größte seiner Art. 1999 startete man mit einem winzigen Hörbuchverlag. Heute platzt man aus allen Nähten. Am Anfang stand eine CD von Victor Klemperer, dessen Erinnerungen an die Nazi-Zeit, gelesen von Udo Samel. Es war ein Riesenerfolg. So erfolgreich wie etwa heute Eric-Emanuel Schmitt mit seinem „Monsieur Ibrahim“. Etwa 30 000 Aufnahmen wurden verkauft.

Enorm, sagt die Branche. Aber da zeigt sich auch, was den – im Vergleich zu den hohen Buchverkäufen – eher zarten Erfolg erzeugt: Erst das Buch, dann vielleicht der Film, auf jeden Fall dazu das Hörbuch. So ist die Reihen- und Rangfolge.

Ist der Hörbuchkäufer kein Buchleser? Barbara Stang von Aufbau: „Wer ein Buch kauft, erwirbt oft zusätzlich die CD. Das Hörbuch ist keine Konkurrenz.“ Das sieht Gerda Fritz nicht ganz so. Die Buchhändlerin betreibt seit dem Jahr 2000 mit ihrem Team in Oldenburg den einzigen reinen „Hörbuchladen“ im Nordwesten (Schlossplatz 21-23). „Meine Rechnung ist aufgegangen“, freut sich Gerda Fritz heute. Teilweise kann sie im Hörbuchladen ganz neue Kunden begrüßen, oft jüngere Leute. „Kinderhörbücher, Krimis und Romane liegen im Verkauf vorne.“ Das Hörbuch hat Leute in den Laden gezogen, die gerne lesen möchten, „aber denen einfach die Zeit dafür fehlt“, mutmaßt Gerda Fritz. Gerade in der mobilen Gesellschaft und besonders in Autos – fast alle mit hochkarätigen CD-Playern ausgestattet – werde das Hörbuch intensiv genutzt. „Und natürlich“, sagt Gerda Fritz, „kann es auch mal die Hausfrau sein, die bügelt und dazu die Kopfhörer aufsetzt.“

In einem Punkt sind sich Verlage und Buchhändler einig: Die Sprecher der Hörbücher spielen eine enorme Rolle – die Stimme macht’s.

Dr. Reinhard Tschapke Redaktionsleitung / Kulturredaktion
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