BERLIN /MAGDEBURG Die Schläger suchen sich neue Feindbilder. Dazu gehören Spieler, Betreuer, Verbandsvertreter und die Polizei.

Von Olaf Reichert,

Redaktion Berlin BERLIN/MAGDEBURG - Tödliche Krawalle am Rande eines Erstliga-Derbys auf Sizilien, Morddrohungen gegen Bundesliga-Trainer, Manager und Spieler – nach der fröhlich-friedlichen Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland ist der Fußball wieder ins Zwielicht geraten. Die Gewalt radikaler Fans nimmt zu, nicht nur in Italien, auch in Deutschland, wie der Vorsitzende des Sportausschusses des Bundestages, Peter Danckert (SPD), oder auch sein CDU-Kollege Bernd Heynemann feststellen.

Heynemann war bis 2001 als Fifa-Schiedsrichter aktiv. Der Magdeburger pfiff 98 Partien der DDR-Oberliga und 151 Spiele der Bundesliga. Zwischen 1988 und 1999 leitete er 14 A-Länderspiele und 42 Europapokal-Begegnungen. Heute noch ist der 53-Jährige als Schiedsrichterbeobachter im Einsatz.

„Ich war nie in der Situation, dass mein Leben oder das meiner Familie bedroht wurde“, erinnert er sich. Anders erging es seinem schwedischen Kollegen Anders Frisk. Nach einer Reihe von Angriffen, Schmähungen und Morddrohungen erklärte der international renommierte Referee im März 2005 seinen sofortigen Rücktritt. „Eine traurige Entscheidung, für die man aber Verständnis haben muss“, sagt Heynemann. Auch Jupp Heynkes, Ex-Trainer von Borussia Mönchengladbach, nannte Morddrohungen als einen der Gründe für seinen Rücktritt.

„Dass eine Szene gewaltbereiter Hooligans in Europa existiert, ist ja seit langem bekannt“, sagt Heynemann. „Neu ist, dass sie sich immer besser organisiert.“ Gewaltbereite „Ultras“ suchten gezielt den Krawall außerhalb der Stadien und dabei wechsele auch schon einmal das „Feindbild“. Früher galten die Anhänger der gegnerischen Mannschaft als bevorzugtes Angriffsziel. Heute sind auch Verbandsvertreter betroffen, Spieler und Betreuer. Die Krawalle auf Sizilien zeigten, wohin die Entwicklung geht. „Dort war die Staatsmacht der Feind, die Polizei“, sagt Heynemann. „Das Ganze hat eine neue Qualität erhalten.“

Die Reaktion der italienischen Regierung auf die Tötung des 38-jährigen Polizisten zeuge von Ratlosigkeit. Die Absage von Spielen oder die Austragung von Partien in leeren Stadien bezeichnet Heynemann als „Gelbe Karte“. „Man wird es nicht durchhalten, eine Saison vor leeren Rängen zu spielen.“

In Italien werden inzwischen modernisierte Stadien gefordert, um der Gewalteskalation Einhalt zu gebieten. Heynemann ist skeptisch: „Wir können an der Spitze sauberen Fußball haben mit 20 Eingangskontrollen und lückenloser Videoüberwachung. Aber in den unteren Ligen werden bei Traktor Kleinkleckersdorf die ausländischen Spieler durchs Viertel gejagt.“ Ähnlich erging es im September 2006 Spielern des Regionalligisten TuS Makkabi Berlin beim Auswärtsspiel bei VSR Altglienicke. Beschimpfungen von der Tribüne („Wir vergasen euch“) folgte nach dem Spiel die Androhung von Prügel gegen die jüdischen Spieler. „Es gibt ganz unverkennbar rechtsextremistische Gewalt am Rande von Fußballspielen“, weiß Danckert. Man könne noch nicht von einer Unterwanderung der Fanszene reden, „aber es gibt Anzeichen dafür“.

Wie Danckert fordert auch Heynemann eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung, um der Hooligan-Gewalt Herr zu werden. Dabei hat er besonders eine Gruppe von Akteuren im Sinn. „Auch die Sponsoren der Vereine müssen Einfluss darauf nehmen, dass der Sport sauber ist“, so der Magdeburger. Und die Polizei? „Die macht zurzeit, was möglich ist“, sagt Heynemann. „Die hat ihre Grenze erreicht.“

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