Brüssel Wohin nur mit dieser Flagge? 47 Jahre flatterte sie vor dem Eingang des Europäischen Parlamentes in Brüssel. Am 31. Januar dieses Jahres wurde das britische Banner um Mitternacht eingeholt, als das Vereinigte Königreich die Europäische Union verließ. Jetzt liegt sie im Keller des Hauses der europäischen Geschichte, keine 100 Meter weit weg von den weiter gehissten Flaggen der 27 Mitgliedsstaaten.

Es ist ein gewaltiges Gebäude, das man eigens hergerichtet hat, um hier so etwas wie ein europäisches Gedächtnis unterzubringen. Den Weg dieses Kontinents von der Industrialisierung über zwei Weltkriege bis zur Einigung der Nationen nachzuzeichnen.

Ganz oben unterm Dach, wo jeder Rundgang endet, liegt der Inbegriff dessen, was Europa geschaffen hat. Es ist ein Buch, gut und gerne fünf bis sechs Meter lang, der Acquis européenne, die Sammlung von rund 80 000 Regelungen und Gesetzestexten, mit denen aus verfeindeten Staaten Freunde wurden, die einen gemeinsamen Markt schufen, der Wohlstand für alle und Frieden für jeden schaffen sollte. Hierher passt die Flagge nicht.

Neben dem Dokument für über 70 Jahre Gemeinsamkeit würde das Symbol des Verlustes eines Mitgliedslandes wie ein Affront wirken. Oder zumindest wie ein Misstrauensvotum. „Es soll kein langweiliges, trockenes Museum werden, sondern ein Ort, der unsere Erinnerung an die europäische Geschichte und das europäische Einigungswerk gemeinsam pflegt und zugleich offen ist für die weitere Gestaltung der Identität Europas durch die jetzigen und die künftigen Bürger der Europäischen Union.“ Es ist der gerade gewählte Präsident des Europäischen Parlamentes, der CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, der mit diesem Satz in seiner Antrittsrede am 13. Februar 2007 den Anstoß gibt.

Wer den Weg in die oberste Etage geschafft hat und vor dem monumentalen Buch, das der niederländische Architekt Rem Kolhaas geschaffen hat, steht, bekommt eine Ahnung davon, was zwei Partner, die 47 Jahre miteinander verbracht haben, nun trennen müssen: Es sind nicht nur Regeln für den Verkehr, für den Handel mit Waren und Dienstleistungen, für den Umweltschutz, für Finanzdienstleistungen. Es geht auch um Kleinigkeiten und Details, an die anfangs niemand gedacht hatte, wie der Vorsitzende des Handelsausschusses im Europäischen Parlament, Bernd Lange, vor kurzem in einem Interview mit unserer Zeitung darlegte: „In unserem Ausschuss haben wir ein besonders drastisches Beispiel diskutiert: Dabei ging es um Pferde, die nicht zur Schlachtung, sondern zu Sportveranstaltungen hin und her gefahren werden. Da sie künftig aus einem Drittstaat kommen, müssten sie mehrwöchige Quarantäne-Bestimmungen und tierärztliche Begutachtungen durchlaufen, was bei einem Sportpferd gar nicht möglich ist.“ Es ist nur ein Beispiel.

Diana ist 17 und gehört zu einer Gymnasialklasse, die an diesem Vormittag das Haus der Europäischen Geschichte besucht. Sie kommt aus Coventry. Schon seit einiger Zeit steht sie still vor einem Schaukasten, in dem ein völlig verbogenes und verkohltes Blechspielzeug gezeigt wird. Nach der Bombennacht 1945 wurde es in Dresden gefunden. „Es ist doch gut, dass es Europa gibt“, sagt sie. „Warum haben meine Eltern für den Brexit gestimmt?“

Erst weiter oben wird es wieder heller, optimistischer – ein Fiat 500, das erste Mini-Reisemobil, hat dort seinen Platz gefunden. Von Reformen und Aufbruch ist die Rede. Doch dann hängt da dieser Pullover von Rado Ionescu, einem Opfer der Revolution in Rumänien in den 1980er Jahren. Für das Europa von heute wurde viel gelitten und gestorben.

Es sind nicht nur die einzelnen Ausstellungsstücke, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern ihre rote Linie, die unter dem Dach endet und eine einzige Botschaft zu haben scheint: Endlich sind wir zusammen. Nur wohin mit der Flagge? „Wir überlegen noch“, heißt es bei den Museumspädagogen, die monatlich viele Besuchergruppen und Schulklassen durch das Haus der Europäischen Geschichte führen. Vor wenigen Monaten, so erzählen sie, habe ein Besucher fünf volle Tage in dem Gebäude verbracht, weil er so „fasziniert von dem Weg Europas“ gewesen sei.

Und tatsächlich stößt der Betrachter immer wieder auf kleine Dokumente jener Faszination, die nicht nur die Politiker, sondern auch die Bürger für die Integration erfassten. In einem kleinen Heft, das die Schüler für den Besuch erhalten, wird ein Medaillon aus dem Kölner Karnevalsmuseum gezeigt. 1963 zeigte es die Umarmung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle. „Zu unserem Glück vereint“, schrieben die Staats- und Regierungschefs im März 2007 über die sogenannte Berliner Erklärung – zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge, mit denen 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) begonnen hat.

Einer der Stühle aus der Zeremonie steht in diesem Museum. Ebenso wie der Friedensnobelpreis für die EU, den sie im Jahr 2012 verliehen bekam. Dieses Haus ist ein Zeugnis des Zusammenwachsens geworden, das von der Undenkbarkeit eines Austritts erzählt. Bisher stört die Flagge dieses Bild nicht. Sie liegt ja noch im Keller.

Nur ein paar Meter von diesem Museum weg haben sich in den vergangenen Wochen die Unterhändler aus London und Brüssel getroffen, um die Beziehungen nach der Brexit-Übergangsphase zu regeln. Wenige Tage zuvor hatte der Chef der britischen Delegation und Vertraute von Premierminister Boris Johnson, David Frost, an der Freien Universität eine Rede gehalten. Sie zeigte seinen Kompass für die Gespräche, bei denen ein No Deal vermieden werden soll. Die Argumentation der EU-Vertreter, im Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU müssten faire Wettbewerbsbedingungen herrschen und London solle deshalb die EU-Standards übernehmen, kehrte er um: Wie würde sich die Gemeinschaft fühlen, wenn sie auf Befehl Londons ihre Gesetze mit denjenigen harmonisieren müsste, die in Westminster erlassen werden? Und was würde Brüssel denken, wenn London darauf bestünde, dass die Union britische Gesetze übernehmen solle?

Im Kern geht es längst um Souveränität und um die Kompetenz, für sein Land eigene Regeln zu beschließen, für das Wohl des Landes zu sorgen. Der Gesetzeskanon im obersten Stockwerk des Hauses der europäischen Geschichte erscheint in diesem Denken nicht mehr als Errungenschaft, sondern als Dokument der Zwangsherrschaft. Es ist eine perfide Verdrehung der Tatsachen, weil ein Markt Fairness und gleiche Ausgangsbedingungen braucht.

Der Bürokratie, die Märkte mit unterschiedlichen Bedingungen mit sich bringen, wollten die Briten eigentlich entfliehen. Sie werden sie wiederbekommen – als Preis des Brexit. Nein, das Buch bleibt ein Schatz der europäischen Geschichte – egal, wo die Flagge am Ende hängen wird.

Detlef Drewes Redaktion Brüssel /
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