Brüssel Gemessen am Weltgeschehen, an Krieg und Frieden und dem Schicksal Europas ist der erste große Erfolg von Jutta Paulus im Europaparlament eher unscheinbar. Womöglich ist der Coup der Grünen aus der Pfalz auch noch gar nicht bis in die letzten Winkel der Europäischen Union vorgedrungen: In einigen Jahren müssen an allen neuen Reifen Angaben zum Abrieb prangen, um die gigantischen Mengen Gummi in der Umwelt einzudämmen.

„Wenn wir da nicht so insistiert hätten, würde das bis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben“, freut sich die 52-jährige Apothekerin, die sich dafür in Verhandlungen mit den EU-Staaten die halbe Nacht um die Ohren geschlagen hat. Sie zieht daraus Stolz und die Gewissheit, nach ihrem Einzug ins Europaparlament im Sommer am rechten Platz zu sein. „Das macht total Spaß, auf jeden Fall.“

Die EU hat ein anstrengendes Jahr hinter sich mit dem Dauerstreit über den Brexit, der Europawahl und dem Gezerre um die neue Führung in Brüssel. Und 2020 geht es erst richtig rund, mit dem „Green Deal“ für den Klimaschutz und dem scheinbar unlösbaren Streit über die EU-Finanzen. Das erste Drama steht gleich Ende Januar an: der britische EU-Austritt. In der zweiten Jahreshälfte übernimmt dann Deutschland den Vorsitz der EU-Länder und vermutlich etliche Baustellen.

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Über die Großereignisse vergisst man manchmal, dass da in Brüssel und Straßburg täglich Tausende vor sich hinwerkeln – manche ohne Ziel und Ambition, aber die meisten doch beseelt von dem Gedanken, die EU irgendwie besser, enger, bürgernäher zu machen. Darunter sind drei Frauen, die sich dieses Jahr für Europa entschieden haben – die frühere Bundesjustizministerin Katarina Barley, die ehemalige FDP-Generalsekretärin Nicola Beer und eben die Grüne Jutta Paulus. So verschieden die drei sind, auch in ihrer Sicht auf die Welt, einig sind sie sich doch in einem Punkt: Europa macht Spaß.

Katarina Barley

Katarina Barley wirkt leicht gehetzt an diesem Nachmittag in der New Members’ Bar im Straßburger Europaparlament und noch schmaler als einst im Justizministerium. Am Tresen holt sie sich erstmal ein Stück Baiser-Limonentarte. „Ich nutze jede Gelegenheit, ein paar Kalorien zu bekommen, denn man kommt hier ja nicht zum Essen“, sagt die 51-Jährige.

Als ehemalige Ministerin und SPD-Spitzenkandidatin ist sie nach ihrem Wechsel ins Parlament sofort zur Vizepräsidentin aufgestiegen und nun eng eingetaktet zwischen Fraktions- und Ausschusssitzungen und der zeitweiligen Leitung der Plenartagung. Barley kennt ja auch den Bundestag, aber in Straßburg läuft manches anders. Es gebe nicht die strikte Trennung in Regierung und Opposition, nicht die festgefügten Parteilinien. „Man kann wirklich versuchen, auf der Sachebene Gemeinsamkeiten zu finden“, sagt Barley. „Dann kann man für einen sehr kleinen Bereich einen sehr großen Unterschied machen.“

Mit ihrem Ministeramt in Berlin habe sie „etwas hergegeben“, aber dafür habe sie persönliche und politische Freiheit bekommen. „Ich bin eben auch mit Leib und Seele Parlamentarierin. Und dieses Geschäft des Verhandelns und des Suchens nach Ausgleich: Das macht eben auch richtig Spaß.“ Schon wieder dieses Wort: Spaß!

Allerdings sieht auch Barley nicht alles rosig in Europa. „Im Moment rege ich mich darüber auf, dass wir es nicht schaffen, unser Wertefundament beieinander zu halten. Wenn wir das nicht hinkriegen, fliegt uns die Europäische Union auseinander.“ Sie meint Ungarns rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban, der mit EU-Geldern seine Macht stabilisiere. „So geht das wirklich nicht“, sagt Barley.

Womit wir doch wieder bei der großen Politik wären, bei den Fliehkräften in der EU und den Schwierigkeiten, die Bürger für dieses Gebilde zu begeistern. Vor der Europawahl im Mai wuchs zwar in vielen Ländern der Rückhalt, EU-Freunde wärmten sich am Anblick blauer Europafahnen und der Ode an die Freude.

Orban aber gelang mit offener Opposition gegen Brüssel eben auch ein grandioser Wahlerfolg, ebenso Matteo Salvini in Italien oder Marine le Pen in Frankreich. EU-Kritiker stellen mehr als ein Fünftel der EU-Abgeordneten. Und jetzt wird auch noch die ultimative Absage an die EU Realität: Großbritannien tritt aus.

Nicola Beer

„Die Europäische Union ist in keiner guten Verfassung: zu uneinig, zu langsam, zu wenig Ergebnisse bei den großen Fragen“, findet Nicola Beer, die in der liberalen Fraktion Renew zusammensitzt mit den Parteifreunden des französischen Ober-Europäers Emmanuel Macron. „Wir wollen die Europäische Union so verändern, dass sie besser wird, weil uns an ihr liegt.“

Beer hat schon einen langen Tag hinter sich gegen 21 Uhr in der lärmenden Bar im Winston-Churchill-Gebäude des Straßburger Parlaments. Ringsum werden Biergläser gehoben, bisweilen auch Sekt, doch Beer bleibt beim Wasser, sie hat gleich noch mehr Programm. Auch sie ist eine der Vizepräsidentinnen im Haus, auch sie zieht Fäden in der drittgrößten Fraktion. Beer wirkt kampfeslustig. Es geht um ein Großprojekt: die Konferenz zur Zukunft Europas.

Nach dem Brexit-Schock 2016 wurde der Neustart der EU ja schon einmal ausführlich ventiliert, es wurden Szenarien und Weißbücher lanciert. Doch kam nichts nach. Jetzt soll eine zweijährige Debatte ab Frühjahr 2020 konkrete Handlungsaufträge bringen, womöglich auch eine Änderung der EU-Verträge.

Wenn es nach Beer geht, könnte am Ende sogar doch noch eine europäische Verfassung stehen – obwohl ein erster Anlauf 2005 am Widerstand in Volksabstimmungen scheiterte: „Wenn wir Europa sanieren, dann brauchen wir auch eine gemeinsame Basis. Und die ideale Basis wäre eine europäische Verfassung.“ Die Bevölkerung soll diesmal mitreden. Ziel ist für Beer ein leichtgängiges, tatkräftiges Europa für die großen Linien bei Sicherheit, Migration, Innovation.

Jutta Paulus

Schnellboot statt Tanker – geht das überhaupt in diesem EU-Betrieb, in dem 27 Länder und 27 Kommissare und 751 Abgeordnete mitreden wollen und Interessen oft frontal aufeinander prallen? Brüssel ist eben auch eine sehr eigenwillige Konsensmaschine und vielleicht von Natur aus langsam, zäh und undurchsichtig.

Jutta Paulus jedenfalls, die Grünen-Abgeordnete, die an einem regnerischen Vormittag in ihrem Brüsseler Büro die ersten Monate Revue passieren lässt, mokiert sich bei aller Begeisterung für ihren neuen Job dann doch ein bisschen über die Kuriositäten in diesem Kosmos. Zum Beispiel wird in der EU immer in Etappen gelacht, weil auch Witze in Debatten erst übersetzt werden müssen.

Und dann ist da noch diese seltsame Geheimsprache aus Abkürzungen, für die es keine Übersetzer gibt. „Wenn jemand sagt: KOM, dann ist klar, dass die Kommission gemeint ist, oder was die EIB ist, hatte ich dann auch schon mal gehört“, lacht die drahtige Frau mit den kurzen grauen Haaren. EIB steht für Europäische Investitionsbank. „Aber was zum Teufel ist denn Coreper?“ Also, es ist keine exotische Schlangenart und auch keine belgische Spezialität aus der Fritteuse. Im Coreper, dem Ausschuss der Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten, erledigen die Botschafter der EU-Länder das Tagesgeschäft. Und auch das ist bisweilen reichlich rätselhaft.

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