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IM NORDWESTEN Er wollte noch schnell die Straßenseite wechseln, aber da war es bereits zu spät.

„Ey!“, brüllte ihn das Mädchen mit den zornigen Augen an, „du hast mich beleidigt!“ Sie schlug ihm die Faust ins Gesicht, und dann waren da plötzlich noch mehr Mädchen, überall spürte er ihre Hände und Füße, sie boxten ihn, sie traten ihn, sie kratzten ihn. Er schrie.

Das Mädchen mit den zornigen Augen hieß Leyla, der Mann hatte es vorher noch nie gesehen.

Opfer wahllos ausgewählt

In einer Polizeiwache am Rand einer mittelgroßen Stadt im Nordwesten legt der Kriminalbeamte Volker Ried einen schwarzen Leitz-Ordner auf den Konferenztisch, auf dem Aktendeckel steht der Name „Leyla“. Der Ordner ist prall gefüllt mit amtlichen Schreiben, eines davon erzählt die Geschichte des verprügelten Mannes, die anderen erzählen 30 oder 40 ähnliche Geschichten. „Im vergangenen Jahr hatten wir hier fast jede Woche so einen Angriff“, berichtet Ried. „Die Mädchen haben sich wahllos ihre Opfer ausgesucht, sie verprügelten Männer und Frauen, Alte und Junge.“ Leyla war die Anführerin der brutalen Mädchengang; als sie den Mann überfiel, war sie 16 Jahre jung.

Und jetzt steht ihr Name da überall in den Polizeiberichten. Leyla ist das kriminellste Mädchen in ganz Nordwestdeutschland.

Wie kam es bloß dazu?

Ried blättert nachdenklich in seinen Akten, er zuckt mit den Schultern.

Fing es an mit 12 Jahren, als Leyla morgens einfach nicht mehr zur Schule ging? Oder mit 13, als sie im Kaufhaus ihr erstes Paar Nylonstrümpfe klaute? Mit 14, als sie mutwillig die Parkbank zerstörte? Als Anzeigen wegen Beleidigung eintrudelten? Wegen Körperverletzung? Wegen Raub? Wegen Nötigung?

Oder begann das alles noch sehr viel früher?

Leyla wuchs in einer Migrantenfamilie auf, sie hat viele Geschwister. Ihre alleinerziehende Mutter war überfordert, ständig fehlte es an Geld, die Familie lebte von Hartz IV. Schnell merkte Leyla, dass sie sich zu Hause „mit einer gewissen Robustheit“ durchsetzen musste: „In der Familie galt das Prinzip ,Nur der Stärkere setzt sich durch‘“, weiß Volker Ried.

Neues Punktesystem

Intensivtäter wird man in Niedersachsen per Definition, genauer: per Addition. Denn seit Inkrafttreten des „Landesrahmenkonzeptes Minderjährige Schwellen- und Intensivtäter“ zum 1. August 2009 bekommen Täter für ihre Taten Punkte angerechnet; für Raub- oder Sexualdelikte gibt es zum Beispiel 5 Punkte, für gefährliche Körperverletzungen 3 Punkte, für Nötigungen oder Einbruchsdiebstähle 2 Punkte, für die meisten übrigen Straftaten 1 Punkt. Wer auf mehr als 35 Punkte kommt, gilt als Intensivtäter.

In Niedersachsen gibt es offiziell 116 minderjährige Intensivtäter. Sie begingen im Jahr 2009 zusammen 3078 Straftaten, rechnet das Landeskriminalamt in seinem Jahresbericht vor. Zehn der minderjährigen Intensivtäter leben im Bereich der Polizeidirektion Oldenburg.

In der mittelgroßen Stadt hat der Kriminalbeamte Volker Ried einen Verdacht: „Leyla“, sagt er, „hat nie in ihrem Leben Konsequenzen für ihr Tun erfahren.“ Wenn Leyla die Schule schwänzte, sagte ihre überforderte Mutter nichts. Als Leyla die Parkbank zerstörte, stellte der Staat das Verfahren ein; es handelte sich ja um eine Bagatelle, begangen von einer Jugendlichen. „Wenn nie etwas passiert, entsteht zwangsläufig das Gefühl: Mir kann keiner was!“, befürchtet Ried.

Bis dann doch plötzlich etwas passierte: Ende 2009 verurteilte ein Richter Leyla nach einer Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten. „Noch ein Ding – und du fährst richtig ein“, warnte Volker Ried.

Die Polizei arbeitet normalerweise deliktorientiert. Das heißt: Da wird der Diebstahl bearbeitet oder die Sachbeschädigung – und anschließend wird das Verfahren oft wegen Geringfügigkeit eingestellt. „Die Verfahren zerfasern“, meint Ried. Bei jungen Intensivtätern gehe man hingegen täterorientiert vor. „Alle ziehen an einem Strang“, lobt Ried, „Polizei, Staatsanwaltschaft, Jugendamt, Schule.“ Regelmäßig treffen sich alle zu „Fallkonferenzen“, jeder Täter bekommt einen „Paten“ zugeteilt. Der Pate von Leyla heißt Volker Ried.

Im Jahr 2009 konnte die Polizei in Niedersachsen 53 668 Fälle aufklären, an denen Minderjährige beteiligt waren. 27 Prozent der 42 202 minderjährigen Tatverdächtigen waren Mädchen.

„Das sind die niedrigsten Werte der vergangenen Jahre“, meldet stolz das Niedersächsische Innenministerium. Die Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr um 1,67 Prozent gefallen. Damit setzt sich ein Trend fort, der 2005 begonnen hat: Die Jugendkriminalität sinkt.

Aber weg ist sie nicht.

Betreuung hinter Mauern

„Es gibt die Kinder, es gibt sie überall“, sagt Christian Fischer mit Nachdruck: „Es gibt sie in Cloppenburg, in Vechta, in Leer oder in Oldenburg!“ Der 33-jährige Pädagoge muss es wissen, seit Jahren betreut er kriminelle Kinder und Jugendliche. Seit Mai 2010 hat er einen neuen Job: Fischer leitet die Geschlossene intensivtherapeutische Wohngruppe des Caritas-Sozialwerkes in Lohne, kurz: GITW.

Manche Menschen sagen auch „Kinder-Knast“ dazu.

Eine hohe Betonmauer umgibt den Hof neben der ehemaligen Kaserne, die Fenster sind aus bruchsicherem Glas, es gibt Kameras. Die GITW ist die erste geschlossene Einrichtung für kriminelle Kinder in Niedersachsen, bundesweit gibt es 15 solcher Wohngruppen.

Familiengericht entscheidet

„Kinder-Knast“, Reinhard Schwarze lächelt milde, „ja, das hören wir öfter.“ Schwarze leitet die Jugendhilfe des Caritas-Sozialwerkes, und deshalb sagt er jetzt ganz ernst: „Das hier ist keine JVA – das ist eine Jugendhilfeeinrichtung!“

In der GITW wohnt niemand zur Strafe. Die Unterbringung ordnet deshalb auch kein Jugendrichter an, sondern das Familiengericht nach Paragraf 1631b BGB: „zur Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung“. Den Antrag dazu stellt zumeist das Jugendamt.

„Wir holen auf jeden Fall ein ärztliches Gutachten ein“, erklärt Silke Paulmann, Familienrichterin am Amtsgericht Osnabrück. In ihrem Bezirk werden pro Monat etwa vier Unterbringungen angeordnet. Meistens gehe es um die Bewältigung einer vorübergehenden psychischen Krise, sagt sie, längere Unterbringungen seien selten.

Auch das Jugendamt in der mittelgroßen Stadt hätte den Antrag stellen können, Leyla in einer geschlossenen Wohngruppe unterzubringen. Für Mädchen gibt es so eine Einrichtung zum Beispiel in Brandenburg: die „Hasenburg“.

In Lohne wohnen nur Jungen, zurzeit sind es fünf. Sie kommen aus ganz Norddeutschland, ein einziger stammt aus Südniedersachsen. Sie sind 13, 14, 15 Jahre alt, hinter sich haben sie „massive Grenzüberschreitungen“, wie Christian Fischer es nennt: „Körperverletzungen, sexuelle Auffälligkeiten, Diebstahl.“ Immer wieder seien die Jungs weggelaufen, und deshalb gebe es in Lohne die Sicherheitssysteme: „Das ist der äußere Rahmen, den wir brauchen, um das hier machen zu können.“ Hinter diesem Rahmen finde dann „menschliche Begegnung“ statt. Zehn Lehrer und Psychologen kümmern sich in der 1000 Quadratmeter großen Wohnung um die Jungs.

Umstrittene Einrichtung

Geschlossene Wohngruppen für Kinder und Jugendliche sind nicht unumstritten in Deutschland. Während sich etwa die Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig in ihrem Bestseller „Das Ende der Geduld“ für einen weiteren Ausbau aussprach, hält der Hannoveraner Kriminologe Professor Dr. Christian Pfeiffer sie „ein bisschen für Show“. Der Bedarf sei extrem niedrig.

Reinhard Schwarze bestätigt in Lohne, dass es in Niedersachsen noch „Hemmungen“ gebe, die Einrichtung zu nutzen. Das könne auch mit den Kosten zu tun haben: 300 Euro fallen pro Tag und Bewohner an, zahlen muss das zuständige Jugendamt.

Für eine Bilanz sei es nicht nur deshalb noch zu früh. „Noch konnten wir leider niemanden entlassen“, sagt Schwarze, „aber wir sind auf einem guten Weg.“

Auch das Innenministerium kann noch keine haltbaren Ergebnisse seines Intensivtäter-Konzeptes liefern. „Die Programme sind erfolgreich angelaufen“, teilt ein Sprecher lediglich mit.

In der mittelgroßen Stadt hat Leyla seit dem Urteilsspruch keine Straftaten mehr begangen. Ihr Pate, Volker Ried, trifft sich weiterhin regelmäßig mit ihr. Leyla ist jetzt 17, der Zorn ist aus ihren Augen verschwunden. Sie sagt, sie möchte bald ihren Schulabschluss nachmachen.

Karsten Krogmann Redakteur / Reportage-Redaktion
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