Hannover Christian Wulff zeigt sich wieder häufiger in der Öffentlichkeit und versucht, möglichst locker zu wirken. Man sieht ihn bei Fußball-Spielen von Hannover 96 oder mit Sohn und Freuden beim Pizza-Essen in einer italienischen Trattoria. Er finde das Leben „wieder richtig schön. Schlimmer konnte es ja auch nicht werden“, wurde der frühere Bundespräsident jüngst zitiert.

Möglicherweise wird es aber doch noch schlimmer. Im Saal 127 des Landgerichts Hannover beginnt am Donnerstag der Korruptionsprozess gegen den 54-Jährigen. 22 Prozesstage sind angesetzt. Es ist das erste Mal, dass sich ein ehemaliges Staatsoberhaupt der Bundesrepublik vor Gericht verantworten muss.

Die Staatsanwaltschaft wirft Wulff Vorteilsnahme vor. Mit auf der Anklagebank in Hannover sitzt der Filmunternehmer David Groenewold wegen Vorteilsgewährung. Er soll für Wulff beim Oktoberfest die Hotel- und Babysitterkosten von 510 Euro übernommen und außerdem 209,40 Euro für ein Abendessen und den Festzeltbesuch gezahlt haben.

Vorwürfe aus 2008

Die Vorwürfe stammen noch aus Wulffs Zeit als Ministerpräsident in Niedersachsen. Am 27. September 2008 posierte er in München im rosa-karierten Trachtenhemd mit einem Maßkrug in der Hand und den Blick auf seine Frau Bettina gerichtet für die Kameras. Im Hotel „Bayerischen Hof“, wenige Kilometer entfernt, schlummerte der gemeinsame Sohn, ein Babysitter passte auf.

Groenewold zahlte, weil er Wulffs Unterstützung für ein Filmprojekt brauchte. So sieht es zumindest die Staatsanwaltschaft. Tatsächlich soll der Filmproduzent den Ministerpräsidenten nur einen Tag nach dem Oktoberfest-Besuch schriftlich gebeten haben, beim damaligen Siemens-Vorstandschef Peter Löscher für eines seiner Projekte zu werben. Genau das soll Wulff dann zweieinhalb Monate später getan haben.

Es ist der einzige von 35 Ermittlungsvorgängen gegen Wulff, der zur Anklage kommt. Vom günstigen Hauskredit über Geschenke bis zu Urlauben bei vermögenden Freunden wurde alles unter die Lupe genommen. Die Staatsanwaltschaft befragte nach dem Rücktritt Wulffs als Bundespräsident im Februar 2012 mehr als 100 Zeugen, legte über 20 000 Seiten Ermittlungsakten an. Als einzig strafrechtlich relevanter Punkt blieb der München-Trip.

Doch beim Prozess dürften auch andere Vorwürfe eine Rolle spielen. Richter Hans Rosenow hat bereits angekündigt, dass er etwa das gesamte „Beziehungsgeflecht“ zwischen Wulff und Groenewold unter die Lupe nehmen will. Der Filmproduzent soll auch für einen Hotel-Urlaub der Wulffs auf Sylt aufgekommen sein. Wulff will das Geld in bar erstattet haben.

Rechtliche Rehabilitation

Wie schwierig die Beweisführung werden könnte, zeigte der geplatzte Deal zur Einstellung des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen eine Zahlung von 20 000 Euro (Wulff) und 30 000 Euro (Groenewold) angeboten, den Prozess nicht zu eröffnen.

Beide Beschuldigten lehnten ab, weil sie einen Freispruch erster Klasse wollen und nicht bloß Straffreiheit. „Wir wollen einen Freispruch und die vollständige rechtliche Rehabilitation“, sagte Wulffs Anwalt Michael Nagel im August. Die Verteidiger des Ex-Bundespräsidenten werden im Prozess vermutlich betonen, dass Wulff und Groenewold alte Bekannte sind und Einladungen deshalb unproblematisch. Das Gericht hat immerhin den ursprünglichen Vorwurf der Bestechlichkeit bei Wulff schon abgeschwächt zu einer Vorteilsnahme.

Auf der illusteren Zeugenliste stehen neben Bettina Wulff auch Tatort-Kommissarin Maria Furtwängler und deren Ehemann, der Verleger Hubert Burda, die bei der fraglichen Bierzelt-Sause in München ebenfalls dabei waren. Ob die zahlreichen Zeugen Wulff eher be- oder entlasten, wird der lange Prozess zeigen.

Beobachter, wie der Politikberater Michael Spreng, sind sich aber schon jetzt sicher, dass das Verfahren Wulff auch bei einem Freispruch schaden wird. Denn viel vom alten Schmutz dürfte wieder aufgewühlt werden.

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