Berlin Lange und akribisch hat Sahra Wagenknecht ihren Auftritt vorbereitet. Aufrecht, selbstbewusst, mit distanziertem Lächeln und flankiert von vier Unterstützern, sitzt sie jetzt im voll besetzten Saal der Bundespressekonferenz, vor Dutzenden von Fernsehkameras und Fotografen.

Eine Verbalsalve nach der anderen feuert sie ab. „Die Ereignisse von Chemnitz haben gezeigt, dass es so nicht weitergehen kann“, sagt die populäre Linken-Politikerin. „Ich bin es leid, die Straße Pegida und den Rechten zu überlassen“, legt sie nach. Wenn nicht gegengesteuert werde, „dann wird dieses Land in fünf oder zehn Jahren nicht wiederzuerkennen sein“. So sieht er also aus, der Auftakt der linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“.

Heftig geißelt Wagenknecht einen Abbau des Sozialstaates, eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Die „Wut“, die sich darüber aufstaue, bilde „Nährboden für Hass und Gewalt“. Bedrohliche Szenarien entwickelt sie und schwingt sich zur Feststellung auf, Deutschland habe „eine handfeste Krise der Demokratie“.

Düsteres Bild gezeichnet

Das tiefschwarze Bild zeichnet Wagenknecht, um für ihre Bewegung zu trommeln. Vor einem Monat mit einer Internetseite ins Leben gerufen, folgt am Dienstag die offizielle Gründung auf der Hauptstadtbühne. Gemeinsam mit ihrem Mann, Ex-SPD- und Ex-Linken-Chef Oskar Lafontaine, will sie das linke Lager sammeln, endlich wieder für eine echte soziale Politik sorgen, ihre Linkspartei, Grüne und SPD aufrütteln und vor sich hertreiben.

„Aufstehen“ für die Reparatur des ausgehöhlten Sozialstaates, eine Sammlungsbewegung für einen Kurswechsel, so das erklärte Ziel. Viele vermuten, Wagenknecht gehe es um eine Spaltung des linken Lagers und sie verfolge das eigentliche Ziel, zur unangefochtenen Frontfrau am roten Rand zu werden.

Dietmar Bartsch, Wagenknecht-Partner an der Spitze der Linken-Bundestagsfraktion, ist verärgert. „Ich habe das Beispiel Italien vor Augen, wo solche Gründungen nur zu Spaltungen geführt haben. Das will ich nicht“, sagt er.

Ego-Trip statt Sammlungsbewegung: Auf den Vorwurf ist Wagenknecht vorbereitet. Als Unterstützer sitzen Grünen-Urgestein Ludger Vollmer und Flensburgs Oberbürgermeisterin und SPD-Politikerin Simone Lange mit auf dem Podium. Vollmer beendet seinen politischen Vorruhestand durch sein „Aufstehen“-Engagement, weil er Frust über die eigene Partei schiebt, die „fast schon liberalkonservativ“ geworden sei.

„Verbindendes suchen“

Und Simone Lange, die als Gegenkandidatin von Andrea Nahles bei der Wahl zur SPD-Parteivorsitzenden im März wenige Tage Aufmerksamkeit genossen hatte, will ein Zeichen gegen die AfD setzen. „Lasst uns das Verbindende suchen“, sagt sie wolkig.

Was genau das Verbindende und Neue in der Wagenknecht-Lafontaine-Bewegung sein soll, scheint einstweilen offen. Der veröffentlichte „Aufruf“ bleibt jenseits der scharfen Kritik am Abbau des Sozialstaates eher vage. Dabei hatte Lafontaine erklärt, ihm gehe es darum, die Wähler zurückzuholen, die Wut und Enttäuschung in die Arme der AfD getrieben hätten.

Der Vorwurf steht im Raum, die linke Sammlungsbewegung wolle mit einer harten Flüchtlingspolitik und Abschottung am rechten Rand fischen, Solidarität nur mit den Einheimischen propagieren.

Im Gründungs-Aufruf heißt es: Die Flüchtlingsbewegung habe zu „zusätzlicher Verunsicherung geführt“ und die Regierung gehe mit den Herausforderungen „unverantwortlich“ um. Die Probleme vom Mangel an Sozialwohnungen bis zu überforderten Schulen spitzten sich zu und „am Ende leiden vor allem die ohnehin Benachteiligten“. Mehr als ein Hauch von AfD-Rhetorik im Programm der linken Sammlungsbewegung? So sieht es Johannes Kahrs, Sprecher des Seeheimer Kreises. „Das ist peinlich und in der derzeitigen Situation ätzend“, schüttelt er den Kopf.

Kühnert spottet

Der Startschuss jedenfalls ist gegeben, und Wagenknecht zeigt sich am Dienstag überrascht vom großen Zuspruch. Genau 101 741 Menschen hätten sich schon angeschlossen, verkündet sie stolz. „Eine Bewegung, die mit 100 000 Menschen startet, die ist nicht ‚oben‘“, will sie Kritik zurückweisen, „Aufstehen“ sei ihr Ego-Projekt.

Doch so ganz koscher sind die Zahlen nicht. Denn mitgezählt wurde unter anderem auch Juso-Chef Kevin Kühnert, ein entschiedener Gegner der Bewegung. „Mit Erstaunen habe ich heute erfahren, dass ich durch das Eintragen in einen Newsletter zu einem von 100 000 ‚Aufstehen‘-Gründungsmitgliedern geworden bin“, sagt der Chef der Jungsozialisten. „Diese Vorgehensweise befremdet mich, insbesondere wenn die Initiatoren dieser Tage ‚echte Demokratie‘ einfordern.“

Tobias Schmidt Korrespondentenbüro Berlin
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