Medizin
Organspender auf Widerruf?

Die Organspendezahlen sinken seit Längerem – allem Werben zum Trotz. Auch ein neues Maßnahmen-Paket könnte nicht ausreichen.

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Berlin Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will alle Bürger zu potenziellen Organspendern machen, wenn sie nicht vor dem Tod Nein sagen. Er macht sich für die Widerspruchslösung stark, sieht keine andere Möglichkeit, den Notstand an verfügbaren Organen zu beseitigen und endlich für ausreichend Spender zu sorgen. Eine überfällige Reform, um Leben zu retten? Oder ein Eingriff in die Entscheidungsfreiheit der Menschen, die bei Patienten neue Verunsicherung schafft? Hintergründe über die Debatte:

Was schlägt Minister Spahn vor?

Spahn will, dass allen Bürgern nach dem Hirntod Organe entnommen werden können, sollten die Betroffenen zuvor nicht widersprochen haben. Nach dem Tod könnten auch die Angehörigen noch Nein sagen und so eine Entnahme verhindern. Daher kommt der Name „doppelte Widerspruchslösung“. „Nur so kann die Organspende zum Normalfall werden“, erklärt Spahn. Bisher sind Entnahmen nur erlaubt, wenn die Betroffenen vor dem Tod ausdrücklich zugestimmt und dies dokumentiert haben (Zustimmungslösung). Eine Widerspruchslösung gibt es unter anderem schon in Spanien, den Niederlanden, Frankreich, Norwegen, Schweden und Luxemburg. Überall dort ist die Spenderquote deutlich höher als in Deutschland.

Warum wirbt Spahn jetzt für diese Lösung?

Rund 10 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. Demgegenüber standen im vergangenen Jahr weniger als 800 Spender – ein Tiefststand. Die Folge: Täglich sterben statistisch betrachtet drei Patienten, die weiterleben könnten, wenn Organe verfügbar wären, andere können erst nach Jahren des Wartens operiert werden. Zwar will die Bundesregierung im Herbst weitere Maßnahmen ergreifen, um die Zahl der Organtransplantationen zu erhöhen: Spahns Gesetzentwurf sieht vor, dass die Entnahmekrankenhäuser feste Pauschalen für Leistungen wie die Feststellung des Hirntods oder das Vorhalten von Spenderorganen der Patienten erhalten. Die Transplantationsbeauftragten sollen deutlich mehr Befugnisse bekommen und jedes Krankenhaus mit 100 Intensivbehandlungs- oder Beatmungsbetten mindestens einen solchen Beauftragten einstellen. Die strukturellen Verbesserungen werden aus Spahns Sicht aber nicht ausreichen. „Deshalb brauchen wir eine breite gesellschaftliche Debatte über die Widerspruchslösung“, fordert er.

Wie fallen die Reaktionen in der Groko aus?

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach pocht seit Langem auf die Widerspruchslösung. Doch bekommt Spahn Widerstand aus der eigenen Fraktion: „Niemand darf gegen seinen Willen zum Organspender werden. Deswegen halte ich die geltende Zustimmungslösung für richtig“, sagt Karin Maag, gesundheitspolitische Sprecherin der Unions-Bundestagsfraktion. Der freiheitliche Staat dürfe keine Entscheidungspflichten schaffen, die eine Widerspruchslösung zwangsläufig nach sich zögen. „Eine Widerspruchslösung könnte noch mehr Ängste wecken und das Vertrauen in die Organspende senken. Das wäre kontraproduktiv“, warnt die CDU-Politikerin. Sie wirft Spahn vor, seinen eigenen Gesetzentwurf zu „entwerten“, indem er eine Debatte starte, „die gar nicht notwendig ist“, weil die geplanten Maßnahmen für deutlich mehr Spenderorgane sorgen würden.

Was sagt die Oppositionzu der Idee?

Widerstand kommt auch von den Liberalen. „Die Widerspruchslösung missachtet das Selbstbestimmungsrecht der Bürger“, erklärt die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Christine Aschenberg-Dugnus. Skepsis gibt es auch in der Grünen-Fraktion. Deren gesundheitspolitische Sprecherin Kirsten Kappert-Gonther sagt: „Es wäre fahrlässig die dringend notwendigen Reformen kleinzureden, weil man meint, in der Widerspruchsregelung die zentrale Lösung für die bestehenden Probleme gefunden zu haben.“

Wie geht es weiter
beim Thema Organspende
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Spahns gut 50 Millionen Euro teures Gesetzespaket zur Verbesserung der Organisation und strukturellen Abläufe in den Kliniken soll im Herbst in den Bundestag. Parallel dazu dürfte sich das Parlament intensiv mit der Widerspruchslösung befassen. Spahn selbst will hierfür keinen Gesetzesentwurf einbringen, sondern sieht das Parlament am Zug.

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