Berlin Ein Monat des Verzichts auf vieles – doch die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen sinkt kaum. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erwägt weitere Verschärfungen, wie er am Donnerstag erklärte. „Lieber kürzer und dafür konsequent. Wir können das Land nicht ewig im Halbschlaf halten.“

Auch der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, konnte am Donnerstag nur feststellen: Nach einer sehr erfolgreichen Eindämmung im Frühjahr bekomme Deutschland die Zahlen derzeit „nicht mit aller Verve runter“. Die seit Anfang November geltenden Einschränkungen sind deutlich milder als im Frühjahr, als Ende März auch Schulen, Kitas und Geschäfte schließen mussten. Damals lag die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen bei rund 4000. Nachdem sie bis Anfang April auf mehr als 6000 gestiegen war, zeigten die Maßnahmen Wirkung: Vier Wochen nach Beginn des Lockdowns wurden dem RKI noch gut 2000 neue Fälle pro Tag gemeldet, Anfang Mai rund 1000.

Schwierige Bewertung

Im Frühjahr wurde noch deutlich weniger getestet. Zudem hielten sich die Menschen weniger in geschlossenen Räumen auf – weshalb die Ansteckungsgefahr grundsätzlich geringer war. Deshalb sind die Zahlen nicht eins zu eins vergleichbar. Aber: Gut vier Wochen nach Beginn der aktuellen Maßnahmen sind die täglichen Neuinfektionen nur leicht zurückgegangen und stabilisieren sich auf hohem Niveau. Aktuell waren es erneut mehr als 22 000.

Von den angestrebten 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner pro Woche (Sieben-Tage-Inzidenz) ist man mit rund 130 weit entfernt. Die Bewertung des Rückgangs ist wiederum grundsätzlich nicht einfach: In der Woche vor Beginn der aktuellen Maßnahmen gab es mehr als 1,6 Millionen Tests. Damit verglichen waren es in der vergangenen Woche etwa 19 Prozent weniger.

Also lieber kurz und heftig als lang und milder? Es ist eine Frage, die Experten entzweit. Der Hamburger Virologe Jonas Schmidt-Chanasit meint zu harten Lockdowns: „Damit verschiebt sich das Problem nur um einige Wochen.“ Die Situation im Sommer habe gezeigt, dass damit die Zahlen nicht dauerhaft niedrig bleiben – trotz intensiver Nachverfolgung. Das Ziel dürfe nicht eine Abfolge von Lockdowns sein, sondern dauerhaft niedrige Infektionszahlen. Dafür bräuchte es langfristige Strategien für das gesamte nächste Jahr. Ein Baustein neben Impfungen und Tests könnte sein, die Bevölkerung auf breiter Front besser einzubeziehen.

Die Göttinger Epidemiologin Viola Priesemann plädiert auf Basis von Berechnungen hingegen für einen etwa dreiwöchigen „harten Lockdown“. „Wir müssen das R runterbringen auf 0,7 etwa, dann sind wir in zwei, drei, maximal vier Wochen auch wirklich durch“, sagte sie in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag. R steht für Reproduktionswert. Liegt dieser unter Eins, steckt ein Betroffener im Schnitt weniger als einen weiteren Menschen an, die Zahlen sinken also nach einer gewissen Zeit.

Sicht der Wirtschaft

Auch Wirtschaftswissenschaftler sind sich uneins. Andreas Peichl vom Münchner Ifo-Institut hält eine Verlängerung des aktuellen leichteren Lockdowns über den 10. Januar hinaus für nötig, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und zöge das aus ökonomischer Sicht auch schärferen Maßnahmen vor.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, meint hingegen: „Ein kurzer und härterer Lockdown wäre besser aus wirtschaftlicher Sicht, wenn dieser die zweite Infektionswelle schneller beenden und einen Neustart der Wirtschaft ermöglichen kann.“ Der Schaden für die Wirtschaft werde exponentiell steigen, wenn die zweite Infektionswelle nicht gestoppt werden könne und Beschränkungen bis in das Frühjahr bestehen bleiben müssten.

Wie viel Zeit noch zu überbrücken wäre, deutete Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Mittwochabend an: „Wir müssen durch den Winter durchkommen, ohne darauf setzen zu können, dass wir in großem Maße schon Impfstoff zur Verfügung haben.“

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