Berlin /Bagdad /Teheran /Washington Menschenmassen ziehen durch Teheran. In Schwarz gekleidet und mit Trauer im Gesicht nehmen sie am Montag in der iranischen Hauptstadt Abschied vom getöteten Top-General Ghassem Soleimani, der bei einem gezielten US-Raketenangriff starb. An diesem Dienstag soll er in seinem Geburtsort Kerman beigesetzt werden. Die Wut auf US-Präsident Donald Trump ist groß, selbst unter den Iranern, die ihre eigene Führung nicht unterstützen. Für Teheran ist die Zeremonie auch eine Demonstration der Einheit, der Stärke und Entschlossenheit.

Es gibt kaum Zweifel, dass der Iran für den Tod seines hohen Militärführers Vergeltung suchen wird. Dann droht der Region eine neue Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Soleimani hat in der arabischen Welt ein dichtes Netz iranischer Verbündeter aufgebaut, die Racheaktionen übernehmen könnten: die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon, paramilitärische Gruppen und die Regierung in Syrien, die Huthi-Rebellen im Jemen – vor allem aber zahlreiche schiitische Milizen im Irak, die sogenannten Volksmobilisierungskräfte.

Irans Einfluss
auf den Irak

Irans Führung pflegt enge Verbindungen zu zahlreichen irakischen Milizen, mächtigen bewaffneten Gruppen, die unabhängig von der Regierung agieren. Viele ihrer Anführer lebten früher lange im iranischen Exil. Sie haben auch politisch starken Einfluss in Bagdad. Gegen den Willen der Milizen – und somit auch gegen den Willen Teherans – kann dort keine Regierung gebildet werde.

Schon in den vergangenen Monaten standen die Milizen unter Verdacht, US-Bürger im Irak angegriffen zu haben. Sie sollen auch für die Proteste an der US-Botschaft in Bagdads stark gesicherter Grünen Zone verantwortlich gewesen sein, so jedenfalls die Anschuldigung aus Washington. Die Wut auf die USA unter den Milizen und ihren treu ergebenen Anhängern ist auch deshalb groß, weil bei dem US-Angriff neben Soleimani auch ihr hoher Anführer Abu Mahdi al-Muhandis starb.

Instabiler Irak

Die neue Eskalation trifft das Krisenland Irak in einer ohnehin äußert instabilen Phase. In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Protesten gegen die Regierung, aber auch gegen den starken Einfluss des Irans. Der ohnehin schwache Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi reichte daraufhin seinen Rücktritt ein. Er ist nur geschäftsführend im Amt und damit praktisch handlungsunfähig.

Überhaupt leidet das Land noch unter dem langen und zerstörerischen Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Der milliardenteure Wiederaufbau kommt kaum voran, nicht zuletzt wegen der grassierenden Korruption.

MAchtkampf in Bagdad

In der Hauptstadt wird seit Wochen um einen Nachfolger für Abdel Mahdi gerungen. Teheran dürfte nach Soleimanis Tod versuchen, das Land noch mehr unter seine Kon­trolle zu bringen. Am Sonntag beschloss das Parlament in Bagdad, dass alle ausländischen Truppen den Irak verlassen sollten. Sollten etwa die circa 5000 US-Soldaten tatsächlich abziehen müssen, gäbe es kaum noch ein Gegengewicht zum iranischen Einfluss. Dann hätte Trump mit seiner Militäraktion das Gegenteil dessen erreicht, was er wollte. Doch das Land ist tief gespalten. Sunniten und Kurden – neben der Mehrheit der Schiiten die wichtigsten Blöcke im Irak – wollen keinen US-Abzug, weil sie einen zu großen iranischen Einfluss befürchten.

Bedrohung durch
die IS-Terrormiliz

Die internationale Anti-IS-Koalition hat wegen der Krise ihren Einsatz gegen die Terroristen genauso eingestellt wie die Ausbildung der irakischen Truppen. Dabei sind die Dschihadisten noch lange nicht geschlagen. IS-Zellen sind weiter aktiv und verüben vor allem im Norden und Westen des Landes immer wieder Angriffe. Sie haben schon früher bewiesen, dass sie Krisen zu ihren Gunsten zu nutzen wissen und besonders dann stark werden, wenn die Regierung schwach ist.

Der Nutzen der Krise

Die Risiken einer Eskalation sind gewaltig – warum hat Trump es trotzdem gewagt, die Krise zu entfesseln? Und warum jetzt? Die Fragen werden nun aufgeworfen – und es gibt viele mögliche Antworten darauf. Spätestens seit der versuchten Erstürmung der US-Botschaft in Bagdad stand Trump parteiintern unter Druck, auf Provokationen des Irans zu reagieren. Trump könnte außerdem darauf hoffen, dass sich das Land angesichts der Krise hinter dem Präsidenten sammelt – wie es in der Vergangenheit oft der Fall war. Die USA sind zehn Monate vor der Wahl tief gespalten. Ein Grund dafür ist das von den Demokraten angestoßene Amtsenthebungsverfahren, dem sich Trump als dritter Präsident in der Geschichte des Landes stellen muss. Ist die Iran-Krise ein gezieltes Manöver, um davon abzulenken? Mit einem Tweet nährte Trump diesen Verdacht am Montag, als er das Amtsenthebungsverfahren erneut beklagte. „Zu diesem Zeitpunkt in unserer Geschichte, wo ich derart beschäftigt bin, Zeit mit diesem politischen Schwindel zu verschwenden, ist traurig!“

Was das Ganze für
die Bundeswehr bedeutet

Der Einsatz der etwa 120 deutschen Soldaten, die für die Ausbildung irakischer Sicherheitskräfte im Land sind, hängt in der Luft. Die Flüge deutscher Tornado-Aufklärer, die von Jordanien aus IS-Verstecke in Syrien und dem Irak suchen sollen, sind zunächst nicht direkt betroffen. Doch bei einem Abzug des Hauptquartiers der Anti-IS-Koalition aus Bagdad steht der ganze internationale Einsatz gegen die Dschihadisten infrage, wird in Berlin betont. Deswegen will die deutsche Regierung den Irak in Gesprächen für eine gemeinsame Fortsetzung gewinnen, gleichzeitig aber auch die Sicherheitsinteressen der eigenen Soldaten fest im Blick behalten.

Die Krisendiplomatie und die Bewertungen der Sicherheitslage laufen in einem Dreieck zwischen Außenministerium, Verteidigungsministerium und dem Einsatzführungskommando der Bundeswehr auf Hochtouren. Keinesfalls wolle man gegen den Willen von Parlament und Regierung im Irak bleiben, sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. „Wir werden jede Entscheidung des Iraks respektieren“, erklärt er – und lässt damit auch den Abstand zur Politik Trumps erkennen, der dem Irak mit schweren Sanktionen für den Fall eines Rauswurfs droht.

Grafik zum Thema als PDF.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.