Frage: Herr Professor Buback, was wundert Sie eigentlich am meisten bei der Aufarbeitung des Attentats auf Ihren Vater, Generalbundesanwalt Siegfried Buback?

Buback: Dass die Attentäter nicht verurteilt wurden. Aus den bei der Verhaftung des Rechtsanwalts Haag Ende November 1976 sichergestellten „Haag-Mayer-Papieren“ ergeben sich zweifelsfrei die Mitglieder des vorgesehenen Karlsruher Tatkommandos. Sie waren kurz zuvor bei einem RAF-Treffen im Harz anwesend, als die einzelnen Aufgaben für das anstehende Karlsruher Attentat einstimmig festgelegt wurden. Keine der drei Personen dieses Tatkommandos wurde als Mittäter verurteilt. Die tatsächlich „wegen Karlsruhe“ als Mittäter zu Lebenslänglich Verurteilten waren dagegen gar nicht am Tatort. Sie haben zwar Morde begangen, aber nicht diejenigen an meinem Vater und seinen beiden Begleitern. Eine weitere Auffälligkeit ist, dass diejenige, die von 2010 bis 2012 wegen des Karlsruher Attentats angeklagt war …

Frage: Sie sprechen von Verena Becker.

Buback: Ja, dass sie Informantin des Verfassungsschutzes war. Wenn ein Geheimdienst involviert ist, so besagt es eine „Richtlinie“ für die Zusammenarbeit der Geheimdienste mit Polizei und Staatsanwaltschaft in Staatsschutzangelegenheiten, kann dieser die Polizei und die Strafverfolgungsbehörden zum Innehalten bei den Ermittlungen bewegen. Diese im Jahre 1973 beschlossene „Richtlinie“ könnte auch bei anderen Staatsschutzdelikten eine Rolle spielen, etwa im NSU-Verfahren.

Frage: War sie an der Ermordung Ihres Vaters beteiligt und was wusste der Verfassungsschutz?

Buback: Es gibt inzwischen aufgrund ihrer eigenen Bekundungen keinen Zweifel, dass Verena Becker ein geheimes Zusammenwirken mit dem Verfassungsschutz hatte. Davon geht auch der Stuttgarter Senat in seinem Urteil vom Juli 2012 aus. Eine solche Zusammenarbeit von Terroristen mit staatlichen Stellen ist erschreckend und folgenschwer. Verena Becker hat dem Verfassungsschutz Stefan Wisniewski als Karlsruher Schützen genannt. Diese Information erhielt der Generalbundesanwalt 1982, aber er hat daraufhin kein Ermittlungsverfahren gegen Wisniewski eingeleitet, was kaum zu fassen ist, zumal Wisniewski als Mitglied des Tatkommandos in den Haag-Mayer-Papieren steht. Erst im Jahre 2007 wurde die Geheimdienst-Kooperation von Verena Becker durch Hinweise eines früheren Verfassungsschützers an den „Spiegel“ öffentlich bekannt. Danach wurde ein Ermittlungsverfahren gegen Wisniewski „wegen Karlsruhe“ aufgenommen. Das hätte bereits 25 Jahre zuvor geschehen müssen.

Frage: Gab es weitere Auffälligkeiten?

Buback: Es gab eine Fülle von Merkwürdigkeiten. So wurden die an der Tatortkreuzung wartenden Autos kurz nach dem Verbrechen durchgewinkt, ohne dass die Namen dieser Augenzeugen oder zumindest die Autokennzeichen registriert wurden. Neben dem kurzen Weg der Attentäter vom zurückgelassenen Tatmotorrad zum Fluchtauto wurde von der Polizei am Tattag eine einzige Schuhspur gesichert. Es dauerte dann etwa anderthalb Jahre, bis vom BKA mitgeteilt wurde, dass die in der Schuhsohle erkennbare „40“ die Schuhgröße 40 bezeichnet. Sie ist ungewöhnlich klein für einen der uns genannten männlichen Täter, die alle um die eins achtzig groß sind. Es kommt hinzu, dass Verena Becker bei ihrer Verhaftung einen Monat nach dem Attentat Sportschuhe der Größe 40 trug, die aber nicht mit dem Schuhabdruck verglichen wurden, zumindest existiert hierzu kein Vermerk. Bei diesen Ermittlungsmängeln kann man kaum noch an Pannen und Zufall denken. Auch ist zu beanstanden, dass der Dienstwagen meines Vaters und das Fluchtauto der Attentäter spurlos verschwunden sind. Wieviele DNA-Spuren hätte man im Fluchtauto finden und zur Ermittlung nutzen können, zumal sich die Täter gegen diese Analytik wohl nicht geschützt hätten, da sie 1977 noch nicht bekannt war. Auch das Tatmotorrad wurde damals verkauft.

Frage: 20 Zeugen haben eine Frau auf dem Motorrad gesehen …

Buback: Ja, viele Zeugen haben ein Pärchen auf dem Motorrad gesehen, einen Mann, der das Motorrad gelenkt hat, und eine zierliche Frau auf dem Soziussitz. Keinem dieser Zeugen wurde Verena Becker gegenübergestellt, obwohl sie und Sonnenberg bei ihrer Verhaftung im Mai 1977 die Karlsruher Tatwaffe mit sich führten sowie einen Suzuki-Schraubenzieher, wie er als einziges Werkzeug im Bordset des Suzuki-Tatmotorrads fehlte. Besonderes Gewicht haben die Aussagen der unmittelbaren Zeugen des Attentats, die alle von einer Frau auf dem Tatmotorrad sprachen. Ein Zeuge war sich zu 99 Prozent sicher, dass ein Mädchen hinten auf dem Tatmotorrad saß. Seine Aussage gegenüber der Polizei vom Tattag ist noch immer verschwunden. Die Existenz dieser Aussage wurde erst fünf Jahre nach dem Attentat bekannt und vom Augenzeugen bestätigt. Er sagte bei dieser Gelegenheit auch, er würde die Frau noch immer wiedererkennen. Kaum zu glauben ist, dass ihm daraufhin nur Männer, 18 Männer, gegenübergestellt wurden.

Frage: Wie gingen die Angehörigen mit diesen Erfahrungen um?

Buback: Wir hatten uns damals mit dem Schicksalsschlag abgefunden. Es war dann sehr schmerzlich zu erfahren – noch dazu von einem ehemaligen Terroristen und nicht von den zuständigen Beamten – dass die unmittelbaren Attentäter wegen des Verbrechens nicht als Mittäter verurteilt worden sind. Dies müsste eigentlich auch für all diejenigen in der Justiz, deren Pflicht es ist, das schwere Verbrechen aufzuklären, sehr bitter sein. Wir haben es zunächst nicht für möglich gehalten, dass die Ermordung des Generalbundesanwalts und seiner beiden Begleiter nicht bestmöglich aufgeklärt wird. Das müssen wir nun hinnehmen. Wir haben uns 30 Jahre nach dem Attentat bemüht, die Täterermittlung zu unterstützen, aber dabei den Eindruck gewonnen, dass diese Hilfe nicht erwünscht ist. Es ist ja auch nicht unsere Aufgabe, das Verbrechen aufzuklären. Ich sollte allerdings anfügen, dass meine Frau und ich inzwischen ein sehr klares Bild vom Attentat und von den Karlsruher Tätern haben.

Hans Begerow Leitung / Politik/Region
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