Frank Carstens analysiert für die NWZ die Geschehnisse bei der Handball-WM in Deutschland und Dänemark. DPA-Bild: Wolf

Eins steht fest: Diese WM ist jetzt schon ein toller Erfolg für die deutsche Mannschaft. Wer vorher gewettet hätte, dass sie sich vorzeitig, als Gruppensieger und ungeschlagen für das Halbfinale qualifiziert, wäre ein kühner Optimist gewesen. Aber das deutsche Team hat wirklich jede Chance genutzt, die sich geboten hat. Hat aus den Rückschlägen gelernt, wenn man die späten Ausgleichstore gegen Russland und Frankreich so bezeichnen will. Hat sich im Crunchtime-Spiel gegen Kroatien durchgesetzt.

Im Spiel gegen Spanien haben beide Teams nicht mehr mit letzter Patrone gekämpft – und das ist auch gut so. Bundestrainer Christian Prokop hatte da die Chance, auch Spielern aus der zweiten Reihe noch einmal mehr Spielzeit zu geben und sie in den Rhythmus kommen zu lassen, wie Silvio Heinevetter, Mathias Musche, Finn Lemke und der nachnominierte Tim Suton. Der hat direkt gezeigt, dass er schnell in so ein Turnier reinkommt, und dass er ein Spieler ist, der gut im Eins-gegen-Eins ist. Damit passt er gut in die zweite Turnierhälfte, wenn die gegnerischen Spieler etwas erschöpft sind.

Generell hat Deutschland viele gute Spieler. Das ist gerade bei der Brutalität des engen Spielplans ein Pfund, das das Team nutzen muss. Es war fast jedes Mal ein anderer, der sich zum Star aufgespielt hat: Steffen Fäth, Fabian Wiede, Fabian Böhm. Aber auch Uwe Gensheimer, Hendrik Pekeler, Patrick Wiencek, Andreas Wolff und der leider verletzte Martin Strobel haben viel zum Erfolg beigetragen. Das ist ein Vorteil gegenüber den anderen Teams, die ihre Superstars haben – wie Frankreich mit Nikola Karabatic, Dänemark mit Mikkel Hansen und Norwegen mit Sander Sagosen.

Gegen Norwegen wird das Tempospiel enorm wichtig werden. Die Norweger sind unfassbar konsequent im Umschalten von Abwehr auf Angriff, das halten sie 60 Minuten durch. Auch die Abwehr ist gut, da haben sie bewegliche Spieler. Das liegt den Deutschen womöglich nicht so sehr, wenn sie aus dem Rückraum kommen müssen. Ganz wichtig aber: Sie müssen gut abschließen. Das macht den Rückzug einfacher. Eine gute Abwehr fängt mit erfolgreichen Angriffen an.

Unsere Stärke ist die eigene Abwehr – aber da machen wir noch zu wenig draus. Gegen Kroatien haben wir mit drei Kreisspielern in der Abwehr agiert, Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und Jannik Kohlbacher. Da fehlen uns dann aber passsichere Spieler im Ballvortrag. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz im Handball, Kreisspielern im Tempogegenstoß nur den Ball zu geben, wenn sie am Kreis stehen und aufs Tor werfen können. Im Spiel gegen Kroatien hat man gesehen, dass das Tempospiel leidet. Gegen Spanien hat das besser geklappt, aber da haben wir auch nur mit zwei Kreisläufern gespielt, und stattdessen mit Lemke. Der kann auch im Angriff gefährlich werden.

Ich hoffe natürlich, dass Deutschland gewinnt. Viele Norweger spielen in der Bundesliga – das ist nicht schlecht für uns, da Prokop jemand ist, der tiefgehend analysiert, um seinem Team den bestmöglichen Plan mit zu geben. Und die Deutschen haben Heimvorteil, also sollten sie das schaffen. Der Spielort Hamburg muss an die Stimmung in Berlin und Köln anknüpfen. Ich war gegen Island und gegen Kroatien in der Köln-Arena, das war eine absolut überragende Atmosphäre.

Und wenn Deutschland es ins Finale im dänischen Herning schafft, heißt das nicht, dass der Heimvorteil weg ist – selbst wenn es dann gegen Dänemark geht. Wir haben in Norddeutschland dank THW Kiel und Flensburg-Handewitt eine enorme Handball-Fanbase, die das Reisen gewohnt ist. Die deutsche Mannschaft wird da sicher nicht alleine in der Halle sein. Außerdem ist es nicht gesagt, dass es Dänemark wird. Frankreich ist auch zu Heldentaten fähig, das wird ein 50:50-Spiel, genau wie Deutschland - Norwegen. Und: Dänemark muss jetzt auch in Hamburg spielen, also das erste Mal im Turnier außerhalb von Dänemark.

Frank Carstens (47) lernte beim VfL Oldenburg das Handballspielen und spielte in der Bundesliga für GWD Minden, wo er seit 2015 Trainer ist. Er arbeitete auch beim OHV Aurich und SC Magdeburg sowie als Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Exklusiv für diese Zeitung kommentiert er die Spiele der WM 2019.

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