Ganderkesee „Wenn ich diesen Schritt nicht getan hätte“, sagt Hartmut Schneider ganz nüchtern, „dann würde ich heute nicht hier sitzen.“ Der Schritt, von dem der 80-jährige Ganderkeseer spricht, ist vier Jahrzehnte her, „ein halbes Leben“, sinniert Schneider – und auf jeden Fall das bessere Leben. Denn der Schritt führte ihn hin zu den Guttemplern. Und damit weg von der Trinkerei. Das war an diesem Freitag vor 40 Jahren.

„Man muss erst ganz unten gewesen sein“, gibt Hartmut Schneider zu. Und das war er um die Jahreswende 1976/77. Jede kleinste Gelegenheit suchte er als Vorwand, um zu trinken: „Ich sagte meiner Frau, dass ich ein paar Nägel von Härtel brauche und bin dann bei Niehoff gelandet“ – die Kneipe befand sich gleich neben dem Eisenwarenhandel. Bei der Arbeit als Zuschneideleiter in einer Delmenhorster Textilfabrik bemerkten die Kollegen immer öfter seine Ausfälle, dann verlor er den Führerschein, doch auch auf dem Fahrrad wurde ihm der Alkohol zum Verhängnis: Im Januar 1977 kam Schneider sturzbetrunken an der Urneburger Kreuzung zu Fall – und ins Krankenhaus.

In Klinik nachgedacht

Letztlich war das ein Glücksfall, denn „in der Klinik kam ich zum Nachdenken“, erinnert sich Hartmut Schneider. Er hatte es schon mal bei den Anonymen Alkoholikern probiert, „aber das hat nichts genützt“. Seine Frau Ruth riet ihm nun: „Versuch’s doch mal bei den Guttemplern.“ Sie begleitete ihren Mann auch: „Wir sind da hingegangen mit dem Gefühl, jeder sieht uns und weiß, wo wir hinwollen“, beschreibt die 79-Jährige ihre damaligen Empfindungen.

Aber das Ehepaar fühlte sich sogleich gut aufgenommen im evangelischen Gemeindehaus, wo die Delmenhorster Guttempler einen Gesprächskreis eingerichtet hatten. Dass Hartmut Schneider dort auf eine Kollegin traf, untermauerte noch seinen Willen, dabei zu bleiben. Den stärksten Halt bekam er aber von seiner Frau. Da bei den Guttemplern die Partner mit in die Gruppe kommen, konnten beide den harten Weg aus der Sucht mit all ihren Folgen für das Familienleben gemeinsam gehen.

„Vor allem die erste Zeit war schwer“, blickt Ruth Schneider zurück. Denn zunächst wurde ihr Mann in geselliger Runde immer wieder aufgefordert: „Trink doch einen mit, einer macht doch nichts...“ Aber er blieb stark. „Wenn man Alkohol ablehnt, stößt das bei vielen auf kein Verständnis“, wundert sich die Ehefrau. „Bei Rauchern, die aufhören, wird ein Nein viel leichter akzeptiert.“ Hartmut Schneider zählte unterdessen die Tage, an denen er nicht mehr getrunken hatte: „Dass es immer mehr wurden, hat mich gestärkt.“

Und mit der Zeit ließen auch die Aufforderungen und Versuchungen nach. Schneider ging sogar weiter in die Kneipe, und wenn ihm Freunde einen ausgeben wollten, winkte er ab: „Für mich nicht.“ Auch in der Nachbarschaft und im Kollegenkreis stießen die Schneiders zunehmend auf Anerkennung: „Dass er gesoffen hat, wussten alle, also musste sich auch rumsprechen, dass er jetzt nicht mehr trinkt“, sagt Ruth Schneider.

Eigene Gruppe gegründet

Ohne die Guttempler, davon ist Hartmut Schneider überzeugt, hätte er den Wechsel vom einen Leben in das andere, bessere nicht geschafft. Aber der Ganderkeseer und seine Frau, die bald 55 Jahre miteinander verheiratet sind, haben der Organisation auch viel zurückgegeben. Von Anfang an engagierten sie sich auch für andere in der Gruppe und machten aus dem Gesprächskreis der Delmenhorster bald eine eigene Ganderkeseer Gruppe. Diese wurde am 28. Juli 1978 gegründet und wuchs schnell, so dass später weitere Neugründungen in Wildeshausen und Bookholzberg erfolgten.

Die Ganderkeseer Guttempler treffen sich immer montags, seit dem vergangenen Jahr haben sie im Jugendzentrum Trend einen Raum. Gemeinsame Ausflüge oder Feiern werden immer noch von den Schneiders organisiert. Für Gespräche stehen sie ebenfalls jederzeit zur Verfügung – immer mit dem Ziel, dass auch andere den Weg in das bessere Leben finden.

Hergen Schelling Leitung / Redaktion für den Landkreis Oldenburg
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