+++ Eilmeldung +++
Aktualisiert vor 13 Minuten.

Nach Lkw-Unfall
A1 bei Ahlhorn Richtung Bremen gesperrt

Friedrich-August-Hütte „Probleme, die ich alleine nicht lösen kann, kann ich am besten in dieser Selbsthilfegruppe ansprechen. Hier wird man nicht ausgelacht, sondern ernst genommen. Dabei gilt Verschwiegenheit. Man kann sich darauf verlassen, dass nichts nach außen dringt“, sagt Hartmut Hahn und fügt hinzu: „Für mich ist diese Gruppe in Friedrich-August-Hütte lebensnotwendig.“ Der 59 Jahre alte verheiratete Vater von zwei Kindern ist bereits seit 30 Jahren trockener Alkoholiker.

  freie Gruppe

1995 hat er eine Ausbildung zum Suchtkrankenhelfer absolviert und später weitere Suchthilfe-Ausbildungen. Zunächst war er in anderen Gruppen. Seit 2002 gehört er der Freien Selbsthilfegruppe FAH an. Der Hafenfacharbeiter ist in seiner Firma auch ehrenamtlich tätig: als Suchthilfeberater.

Mitgegründet hat diese Gruppe vor 28 Jahren die heute 55 Jahre alte Susanne Gebel, um ihrem (2005 verstorbenen) alkoholkranken ersten Ehemann zu helfen. In den 28 Jahren seien einige Gruppenmitglieder ausgeschieden – auch altersbedingt, wegen Umzugs oder aus persönlichen Gründen. Andere seien neu hinzu gekommen.

Nur etwa ein Drittel sei trocken geblieben. Früher habe die Gruppe das nicht hinnehmen wollen und den so Ausgeschiedenen hinterhertelefoniert. Seit etwa vier Jahren werde das nicht mehr getan, weil es keinen Sinn mache. Denn so Susanne Gebel: „Wer trocken werden und bleiben will, muss das auch wirklich wollen.“ Und: „Den Absprung schaffen, das ist wie durch die Hölle gehen.“

  Viele Verstorbene

Sehr viele Alkoholkranke seien – teilweise in jungen Jahren – verstorben, weil sie sich totgesoffen haben, erinnert sich die Mutter dreier Kinder. Zu denen, die trocken geblieben sind, zählt – schon seit 17 Jahren – Siegurd Gärtner. Der gelernte Werkzeugmacher und geschiedene Vater zweier Kinder ist seit fünf Jahren zum zweiten Mal verheiratet – mit Susanne Gebel.

  Glücklich Ohne

Der heute 67-Jährige hat vor etwa sechs Jahren eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Suchthelfer absolviert. Gemeinsam mit Susanne Gebel und Hartmut Hahn betreut er die Freie Selbsthilfegruppe FAH. Alle drei gehen gerne damit in die Öffentlichkeit. Denn sie wollen zeigen, dass man auch ohne Alkohol glücklich werden und zufrieden leben kann.

Hartmut Hahn hat auch kein Problem damit, sich ganz offen zu seiner Alkoholerkrankung zu bekennen. „Ich bin jetzt seit 30 Jahren trocken und habe nie einen Hehl daraus gemacht. Denn mit Ehrlichkeit komme ich am weitesten. So bekomme ich auch keine dummen Fragen gestellt und muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich keinen Alkohol haben möchte. Die Reaktionen sind Erstaunen und Bewunderung. Ich habe noch nichts Negatives erlebt.“

  Schalter umlegen

Siegurd Gärtner bestätigt: „Wenn ich dazu stehe und das sage, ist das auch ein Selbstschutz. Das wirkt befreiend und stärkend.“ Er fügt hinzu: „Ich habe zwei Therapien gebraucht, um zu akzeptieren, dass ich krank bin. Eine Alkoholkrankheit muss man akzeptieren und begreifen – man muss gleichsam einen Schalter umlegen.“ Die Selbsthilfegruppe ist für ihn „ein Schlüssel, um mich immer wieder mit meiner Krankheit auseinanderzusetzen und mich zu stärken.“

Susanne Gebel ist als sogenannte Co-Abhängige (von der Alkoholkrankheit ihres Partners stark betroffen) der Selbsthilfegruppe treu geblieben. Zudem war sie mehrere Jahre wegen Todesfälle in der Familie in einer „Trauerfalle“ – „da war ich froh, dass ich diese Gruppe habe.“

  Unterstützung

In der Gruppe wird nicht nur über Alkohol geredet, sondern zum Beispiel auch über Miete, Rente oder auch Trennung. Über die Treffen hinaus gibt es mitunter Wochenendseminare, aber auch gemeinsame Freizeitaktivitäten wie Fahrradtouren, eine Weihnachtsfeier und alle zwei Jahre ein Wochenend-Ausflug in den Harz mit Partnern. Der Ausflug wird finanziell unterstützt aus der Cent-Aktion der Mitarbeiter des Werkes von Premium Aerotec in Einswarden. Dafür ist die Gruppe sehr dankbar. Das festigt sie.

Seit etwa acht Jahren gehören zur Gruppe fünf Männer und vier Frauen – heute im Alter von 40 bis 70 Jahren. Mitunter kommen Drogen- und Arzneimittelabhängige hinzu. Sie bleiben sieben bis acht Monate und erfüllen damit eine Auflage der Drogenberatungsstelle Rose 12 oder eines Gerichts (zum Beispiel auch bei Führerscheinentzug).

  Frauen und Männer

Zu den Gruppentreffen kommen jeweils sechs bis sieben Frauen und Männer. „Diese Anzahl braucht man auch für einen guten Austausch. Zu viele Teilnehmer wären nicht gut. Eine richtig gute Gruppe hätten wird mit rund zehn Teilnehmern. Daher würden wir gerne mehr werden“, sagt Susanne Gebel.

„Wir kämpfen um Zulauf“, bekräftigt Siegurd Gärtner. Hartmut Hahn sagt: „Wie in vielen Vereinen mangelt es auch bei uns an Nachwuchs. Viele meinen, Kontakte und Informationen übers Internet seien ausreichend. Aber im Internet kann man sich als Suchtkranker auch schön verstellen. Zudem kann im Internet niemand jemanden in den Arm nehmen und trösten.“

 Die Freie Selbsthilfegruppe FAH trifft sich montags ab 18.30 Uhr im Gemeindehaus bei der Pauluskirche (Bromberger Straße 21).

Sechs Gruppen

In der Nordenhamer Fachstelle Sucht des Diakonischen Werkes (Bernhardstraße 3) trifft sich jeden Montag von 10 bis 11 Uhr eine offene Gruppe. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Die Fachstelle ist erreichbar unter Telefon   88040. Im „Arbeitskreis Sucht“ arbeiten alle sechs Nordenhamer Selbsthilfegruppen für Suchtkranke und deren Angehörige zusammen. Dies sind die sechs Nordenhamer Gruppen:

Die Anonymen Alkoholiker in Nordenham treffen sich montags ab 19.30 Uhr im Martin-Luther-Haus und sind erreichbar unter Telefon   4224 und Telefon   248155. Die Angehörigen-Gruppe AL-ANON ist erreichbar unter Telefon   248155 und unter Telefon   1495.

Die Begegnungsgruppe des Blauen Kreuzes trifft sich dienstags ab 19.30 Uhr im Martin-Luther-Haus und ist erreichbar unter Telefon   6430 und 80721 und 7615 sowie für Stadland unter Telefon   04732/183748.

Die Freie Selbsthilfegruppe Einswarden trifft sich dienstags um 19.30 Uhr im Mehrzweckhaus in Einswarden und ist erreichbar unter Telefon   206133 oder 5852.

In Friedrich-August-Hütte trifft sich montags ab 18.30 Uhr im evangelischen Gemeindehaus die Freie Selbsthilfegruppe FAH (erreichbar unter Telefon   2498546). Die Gruppe für Spieler trifft sich dienstags von 19 bis 20.30 Uhr im Martin-Luther-Haus in Nordenham (erreichbar unter Telefon   21661).

Nach Ansicht aller sechs Gruppen und der Fachstelle Sucht ist und bleibt das persönliche Gespräch eine ganz starke Hilfe. Es wird aber zunehmend schwieriger, zur regelmäßigen Teilnahme an Treffen von Selbsthilfegruppen zu motivieren. Deshalb wollen die Gruppen stärker an die Öffentlichkeit gehen. In einer Serie in loser Reihenfolge stellt die NWZ alle sechs Gruppen vor.

NWZonline.de/gesundheit
Alles zum Thema Gesundheit finden Sie hier!

Horst Lohe Nordenham / Redaktion Nordenham
Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.