Wildeshausen Elfriede Strangmann versteht die Welt nicht mehr. Seit Monaten versucht die schwerkranke Wildeshauserin einen Hausarzt zu finden – vergeblich. „Wir haben wirklich überall herumtelefoniert, aber kein Arzt hat sich bereit erklärt“, erläutert ihr Sohn Jens Fischer.

Häufig zum Arzt

Zusammen sitzen die beiden in ihrem kleinen Teeladen in der Neuen Straße, der seit Strangmanns Schlaganfall Ende September 2016 nur noch montags geöffnet ist. „Eigentlich habe ich seit 43 Jahren meinen Hausarzt in Großenkneten, weil ich schon auf halber Strecke in der Wiekau wohne“, erläutert die 85-Jährige. Doch seit dem Schlaganfall ist Autofahren nicht mehr möglich. „Ich muss jetzt relativ häufig zum Arzt, und da mein Sohn auch kein Auto fährt, muss ich jedes Mal Bekannte oder Nachbarn bitten“, so die Wildeshauserin weiter.

Versorgungsgrad von 103,8 Prozent

Bei der Hausarztversorgung sieht die Situation in der Verwaltungseinheit Wildeshausen – dazu zählen Harpstedt, Dötlingen, Großenkneten und Wildeshausen – nach Angaben der KVN passabel aus. Laut Bedarfsplan stehen den 51 709 Einwohnern 31,5 Ärzte zur Verfügung.

Laut Rechnung der KVN sollten 1671 Einwohner von einem Arzt versorgt werden. Damit ergibt sich in Wildeshausen und umzu ein Versorgungsgrad von 103,8 Prozent. Zwei weitere Ärzte könnten sich niederlassen, bis die Sperrgrenze von 110 Prozent erreicht ist.

Ob es das hohe Alter seiner Mutter ist, die abgeschiedene Wohnlage, die Hausbesuche unattraktiv macht, oder einfach nur eine Überlastung der ortsansässigen Allgemeinmediziner – Jens Fischer kann sich nicht erklären, warum er in der Kreisstadt keinen Arzt für seine Mutter findet. Mitteilungen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) bezüglich einer mehr als 100-prozentigen Versorgung von Wildeshausen und umzu mit Hausärzten (siehe Infobox) lassen ihn deshalb nur müde lächeln.

„Was machen denn Leute, die aus weit entfernten Städten hierher ziehen? Müssen die dann auch jedes Mal zurück in ihren Heimatort, wenn sie krank sind?“, fragt Fischer. In der Tat stehen er und seine Mutter mit ihrem Problem nicht allein da. Ähnliche Schwierigkeiten, einen Hausarzt zu finden, haben derzeit viele Neubürger wie zum Beispiel Flüchtlinge. Sie werden zum Teil an die Landärzte in Neerstedt verwiesen. Doch dort hinzukommen, ist ohne Auto und mit geringen Sprachkenntnissen nicht ganz einfach.

Angesprochen auf diese Misere, konstatiert der Pressesprecher der KVN, Detlef Haffke, dass „die Bedarfsplanung wenig mit Versorgungsrealitäten zu tun hat und nicht die tatsächlichen Bedürfnisse widerspiegelt“. „Die statistischen Zahlen zielen nur auf Köpfe ab, berücksichtigen aber zum Beispiel nicht, wie viele ältere Menschen in einem Gebiet wohnen oder wie mobil sie sind“, so Haffke weiter. Auch die seit Jahren steigende Tendenz der Menschen, zum Arzt zu gehen, werde nicht berücksichtigt. Dieser Anstieg sei viel höher als die nachwachsende Ärztegeneration. „Gefühlt kann die Versorgung mit Hausärzten also sehr schlecht sein, auch wenn sie objektiv gut ist“, fasst der Experte zusammen.

Probleme in Ferien

Zu Kritik komme es in diesem Zusammenhang auch immer wieder in den Ferien. So hatten auch in Wildeshausen diverse Ärzte ihre Praxen über Weihnachten und Neujahr geschlossen und verwiesen teils auf Vertretungsärzte, die ebenfalls geschlossen hatten. „Wir empfehlen unseren Ärzten zwar, für eine Vertretung zu sorgen, aber sie müssen das nicht“, stellt Haffke diesbezüglich klar. Oft klappe eine Absprache, aber eben nicht immer. Nach den Ferien oder Feiertagen gebe es deshalb stets eine Analyse der Bereitschaftsangebote, und anschließend gehe die KVN auf die Ärzte zu, bei denen es nicht so gut geklappt habe.

„Generell ist die Kommunikation unter den Ärzten in den letzten Jahren schlechter geworden“, konstatiert Haffke und verweist auf die wachsende Anonymität gerade in Ballungsräumen. Das bedeutet dann für die Patienten, dass sie im Bereitschaftsdienst des Krankenhauses landen.

Damit nicht auch Elfriede Strangmann hier regelmäßig Hilfe suchen muss, empfiehlt Haffke ihr, die Bezirksstelle der KVN in Oldenburg zu kontaktieren. Das will die Wildeshauserin jetzt versuchen – Ausgang ungewiss.

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Uta-Maria Kramer Wildeshausen / Redaktion Wildeshausen
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