In den Baumhöhlen suchen Eichhörnchen und Fledermäuse nach Unterkunft. Im dichten Gebüsch verstecken sich Zaunkönige, Amseln und Heckenbraunellen. Schmetterlinge, Wildbienen, Schwebfliegen und Wespen landen auf bunten Blüten. Und unter Steinen haben sich Ameisen, Spinnen und Hundertfüßler verkrochen.

Ökologische Perspektive für Ruhestätten

Wer mit offenen Augen über einen Friedhof geht, kann dort einiges an Leben entdecken. So wie Jakob Grabow-Klucken. Im Jahr 2015 untersuchte er für seine Masterarbeit die Wildbienenfauna auf dem Stadtfriedhof Stöcken. Heute ist er beim BUND Niedersachsen für das Projekt „Ökologische Nische Friedhof“ verantwortlich. Gemeinsam mit seiner Kollegin Annika Hennemuth zeigt er Mitarbeiter*innen in Friedhofsverwaltungen und interessierten Angehörigen, wie man eine Ruhestätte in einen Lebensraum verwandeln kann. Was im ersten Moment morbide klingen mag, lässt sich vielmehr als eine Weiterentwicklung des Stellenwerts begreifen, den Friedhöfe mancherorts schon haben. „Die Bedeutung des Friedhofs geht weit über die Nutzung als Ort der Bestattung hinaus“, sagt Jakob Grabow-Klucken. „Friedhöfe sind heute wichtige Elemente des innerstädtischen Grünsystems, versorgen uns mit Frischluft und verhindern die innerstädtische Aufheizung. Darüber hinaus vernetzen sie Lebensräume für Tiere und Pflanzen.“

Ganzjähriges Blütenangebot

Er hat festgestellt: „Besonders strukturreiche Friedhöfe mit einem vielfältigen Nebeneinander unterschiedlicher, kleiner Standorte bilden ein eng verzahntes, kleinflächiges Mosaik von Lebensräumen unterschiedlichster Ausprägung.“ Gefördert werde die Artenvielfalt durch ein ganzjähriges Blütenangebot auf und neben den Gräbern – etwa durch blühende Rasen- und Wiesenflächen, Baumgruppen und Gehölzpflanzungen, Randstreifen an Wegen und nischenreiche Baustrukturen.

Ganz neu sind diese Erkenntnisse nicht. Dass Friedhöfe mit altem Baumbestand für Vögel interessant sind, darüber informierte der BUND Ravensburg laut Jakob Grabow-Klucken schon im Jahr 1996. Auch verschiedene niedersächsische BUND-Kreisgruppen in Hildesheim und Osnabrück, der NABU in Oldenburg, die Deutsche Wildtierstiftung und das Haus kirchlicher Dienste starteten bereits Projekte zur Biodiversität auf Friedhöfen.

Vier Standorte

Das aktuelle BUND-Projekt „Ökologische Nische Friedhof“ gibt es seit dem Jahr 2017. Jakob Grabow-Klucken und Annika Hennemuth arbeiten dafür mit vier niedersächsischen Friedhöfen zusammen: der Stadtfriedhof Braunschweig, der Parkfriedhof Junkerberg in Göttingen, der Stadtfriedhof Stöcken in Hannover und der Waldfriedhof Lüneburg.

Abgesehen von der Größe unterscheiden sich die Anlagen aufgrund ihres Alters, ihrer Belegungsdichte und Struktur: „Der Stadtfriedhof Stöcken ist in vier Erweiterungen von einem symmetrisch angelegtem Beerdigungsfeld hin zu einem riesigen Parkfriedhof im Stile englischer Landschaftsgärten gewachsen. Der Parkfriedhof Junkerberg hat hingegen einen bislang kaum belegten Parkanteil. Und der Waldfriedhof Lüneburg hat sogar eine Wandlung vom Heide- zu einem Waldfriedhof hinter sich“, erläutert Jakob Grabow-Klucken.

Erste Ergebnisse konnten die Projektbeteiligten bereits in Bezug auf Wildbienen sammeln. So konnten Experten auf dem Waldfriedhof Lüneburg im vergangenen Jahr 54 Wildbienenarten entdecken. In Braunschweig wurden 65 Arten gefunden. In Hannover wiederum konnten 60 Arten nachgewiesen werden. Am artenreichsten entpuppte sich der Parkfriedhof Junkerberg mit 85 Wildbienenarten. „Unter den Arten sind auch mehrere seltene und gefährdete sowie hoch spezialisierte Arten wie die Senf-Blauschillersandbiene, die Große Harzbiene, die Luzerne-Sägehornbiene, die Natternkopf-Mauerbiene und die Dichtpunktierte Goldfurchenbiene“, so der BUND-Experte.

Natur berührt und hilft

Aber auch für den Menschen kann ein naturnaher, extensiv gepflegter Friedhof ein Lebensraum sein. Anders als in gestalteten, intensiv gepflegten Grünanlagen kann man sich hier nicht nur erholen, sondern auch die Natur beobachten und erfahren. Für manche kann dies auch ein tröstliches Erlebnis sein. „Ökologische Nischen bieten ein vielseitiges, oft farbenfrohes, manchmal etwas wildes Bild“, sagt Jakob Grabow-Klucken. „Es berührt uns und kann uns auch bei der Trauerbewältigung helfen.“


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