Gasthöfe, gerade im ländlichen Bereich, haben es nicht immer einfach. Auch die Traditions-Gaststätte „Zum Schwarzen Ross“ in Bookholzberg hat einige Turbulenzen erlebt. Öfter schon glaubte man: Das war’s dann wohl. Ibrahim Celik (38) jedoch sah hier großes Potenzial. Da er oft bei seinem Bruder in dessen „Alfa-Grill“ ausgeholfen hatte, kannte er Bookholzberg und auch das Gasthaus „Zum Schwarzen Ross“. 2012 entschloss er sich zum Kauf dieser Immobilie. Als zwei Jahre später sein Pächter aufgeben musste, entschied sich Ibrahim Celik: „Jetzt mache ich es selbst.“

Es folgten umfangreiche Umbau- und Sanierungsmaßnahmen. Seit November 2014 strahlt das Lokal im neuen Glanz – und hat einen neuen Namen, denn aus „Zum Schwarzen Ross“ wurde kurzerhand „Schwarzes Ross“. Nicht nur die Gaststätte, auch der Hotelbetrieb bekam neuen Schwung. Dieses Haus ist Ibrahim Celik ans Herz gewachsen und er hat noch viele Pläne. Dabei muss er sich auch um sein zweites Standbein kümmern: seine Immobilienfirma.

Die viele Arbeit macht ihm nichts aus, denn die ist er von früher Kindheit an gewohnt. Auch weiß er zu schätzen was es bedeutet, Strom, fließendes Wasser und eine Toilette zu haben. Geboren ist Ibrahim Celik im Südosten der Türkei. Er ist das jüngste von sechs Kindern. Seine Eltern wohnten in einem kleinen Dorf. Das Wasser musste aus dem Brunnen geholt werden. Seine Eltern, die weder lesen noch schreiben konnten, bauten auf einem Feld Baumwolle an. Später hatten sie zusätzlich einen kleinen Tante-Emma-Laden. Da die meisten Dorfbewohner sehr arm waren, wurden im Laden auch Waren getauscht.

Die Celiks sind Aramäer und gehören in der Türkei zu einer kleinen religiösen Minderheit, die vom türkischen Staat nicht auf Rosen gebettet wird. Seine beiden ältesten Geschwister waren schon geflüchtet und hatten in Delmenhorst und Ganderkesee eine neue Heimat gefunden. Da sie um ihr Leben fürchteten, verließen 1987 auch die restlichen Familienmitglieder ihr Heimatland. Auch sie kamen in Ganderkesee unter, zunächst in einer kleinen Wohnung über dem Jugendzentrum „Trend“. Bei der Flucht waren seine Eltern schon beide über 65 Jahre alt und mittellos. Sein Vater meinte zu seinen Kindern: „Ich habe alles zurückgelassen, macht was daraus.“

Ibrahim war gerade acht Jahre jung und besuchte, ohne ein Wort Deutsch zu können, die zweite Klasse in der Schule an der Langen Straße. Den Schulranzen bekam er geschenkt, seine Eltern konnten sich keinen leisten. „Es war sehr schwierig und ich wurde oft gehänselt“, erinnert sich Ibrahim. Seine Eltern gaben ihm jeden Tag mit auf den Weg: „Mache keinen Ärger.“

Doch eines Tages wurde es ihm zu viel und er fing an, sich zu wehren. „Da wurde ich plötzlich akzeptiert und konnte mir meine Freunde aussuchen.“ Nicht nur die Lehrer, sogar der Hausmeister lernte mit ihm Deutsch und zeigte ihm unter anderem auch, wie bei einem Schnürsenkel ein Knoten gemacht wird. Schon im vierten Schuljahr gehörte er zu den Klassenbesten. In seiner Freizeit musste er oft seinen beiden Brüdern helfen, die sich in der Gastronomie selbstständig gemacht hatten. Er besuchte das Gymnasium Ganderkesee und nicht ohne Stolz erzählt Ibrahim, dass er der erste Aramäer war, der dort sein Abitur gemacht hat.

Bei der Treuhand in Oldenburg absolvierte er eine Ausbildung zum Steuerfachangestellten. Seine Chef merkte schnell, was in Ibrahim steckt: „Du kannst mehr!“ Also studierte er nach seiner Ausbildung an der Uni in Oldenburg Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Jura. Während dieser Studienzeit fasste er den Entschluss: „Ich mache mich selbstständig!“ Und so gründete er seine heutige Firma „Ibracel Immobilien“. Er vermittelte Immobilien und übernahm die Verwaltung von Mietobjekten.

Bei einem Treffen von Aramäern in Paderborn lernte Ibrahim seine Terzo kennen. Auch sie war mit ihrer Familie aus der Türkei geflohen und hatte dort in einem Nachbarort von Familie Celik gewohnt. Gerne hätten beide 2002 nicht nur kirchlich, sondern auch standesamtlich geheiratet. „Damals hatten wir noch die türkische Staatsbürgerschaft, uns fehlten die notwendigen Papiere.“ Mit dem deutschen Pass konnte dieser Teil der Hochzeit 2009 nachgeholt werden.

Längst hat sich die Familie mit den Kindern Lea-Marie (13), Romeo (11) und Aaron (9) vergrößert. Besonders der kleine Aaron hilft gerne mit im Lokal, er hat hier auch schon seinen eigenen Kittel. Ist dieser einmal nicht gleich greifbar, ruft Aaron nur: „Wo ist meine Dienstkleidung?“

Vor acht Jahren haben Ibrahim und sein Bruder noch einmal ihre alte Heimat in der Türkei besucht. „Es hat mich sehr traurig gemacht“, gesteht er.

Ibrahim Celik,Inhaber des Booholzberger Gasthofs „Schwarzes Ross“

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