Ganderkesee Es gab eine Zeit, in der viele deutsche Auswanderer in den USA eine neue Heimat gefunden haben. Wie sieht es umgekehrt aus?

In Ganderkesee gibt es das Unternehmen „Facet Precision Tool“. Inhaber ist Jeremy Bunting (44), der 2005 seinem Heimatland USA den Rücken gekehrt hat. Noch heute erinnert er sich gerne an seine Kinder-und Jugendzeit in Provo, eine Stadt im Bundesstaat Utah. Seine Mutter hatte schon früh versucht, bei ihren fünf Kindern das musikalische Interesse zu wecken. So eine Art „Kelly Family“, das wäre nicht schlecht.

Daraus wurde nichts, denn die Kinder hatten andere Interessen. „Ich habe schon nach einem halben Jahr meinen Klavierunterricht abgebrochen“, erinnert sich Jeremy. Dafür war er sportlich unterwegs. Er spielte Soccer – oder wie wir sagen: Fußball. Dazu Basketball und vor allen Dingen Baseball. Hier war Jeremy ein ganz erfolgreicher Werfer – oder wie die US-Amerikaner sagen: Pitcher. Er war nicht nur gerne auf dem Sportplatz, sondern ging auch gerne zur Schule. Seinen Schulabschluss machte er auf der Highschool.

Nach einem Jahr auf der Universität legte Jeremy eine Pause ein und ging für die Religionsgemeinschaft der Mormonen in die Schweiz, um dort Menschen für diese Religion zu begeistern. „Ich hatte bei der Auswahl des Landes keinen Einfluss, das hat die Kirche bestimmt“, erklärt Jeremy Bunting. Nach zwei Jahren kehrte er in die USA und an die Universität zurück. Da Jeremy sich schon immer für Kunst interessierte, wollte er das Fach auch studieren. Da redete ihm sein Vater ins Gewissen: „Wie willst Du mit Kunst eine Familie ernähren?“ Auch ein Beruf im Büro oder etwa als Rechtsanwalt kam für Jeremy nicht in Frage: „Ich muss irgendetwas schaffen und das in Händen halten.“

Vater John Bunting hatte eine Firma zur Herstellung von Diamantwerkzeugen und seine vier Jungs halfen immer gerne mit im Familienbetrieb. Auch Jeremy gefiel die Arbeit und so entschied er sich für ein Maschinenbau-Studium. Im Sommer 1999 machte er ein Praktikum in der Nähe von Ulm. „Für mich war es in jeder Beziehung eine super Erfahrung, und mit einigen der ehemaligen Kollegen bin heute noch befreundet.“

2001 war Jeremy nicht nur fertiger Maschinenbauingenieur, sondern auch schon zwei Jahre mit seiner Saskia verheiratet, die er auf der Universität in Provo kennengelernt hatte. „Es war eine Zeit, in der es sehr schwierig war, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Da kam ein Angebot vom Autohersteller Honda wie gerufen. Das junge Ehepaar fuhr mit zwei Autos, in denen es sein Hab und Gut verstaut hatte, quer durch Amerika. Nach 36 Stunden waren sie im Bundesstaat Alabama angekommen.

Zwei Jahre arbeitete Jeremy für Honda und zwei weitere bei Mercedes. Während dieser Zeit machte er in Abendkursen seinen Master of Business Administration und Sohn Maximilian (heute 16) wurde geboren. Ehefrau Saskia gefiel es nicht in Alabama, sie wollte wieder zurück in ihre Heimat nach Deutschland. In der Nähe von Stuttgart bekam Jeremy eine Anstellung beim Werkzeughersteller Komet. Der hatte in der Schweiz mit der Dihart AG eine Tochtergesellschaft. Hier bekam Jeremy 2008 den Posten des Fertigungsleiters und hatte dabei die Verantwortung für 120 Mitarbeiter.

Wäre die Finanzkrise nicht gekommen, vielleicht wäre Familie Bunting immer noch in der Schweiz. Das Werk wurde geschlossen, Jeremy war ohne Arbeit und das Visum wurde nicht verlängert. Aber Vater John ließ seinen ältesten Sohn nicht im Regen stehen: Er hatte 50 Prozent seiner Firmenanteile an einen Großkonzern verkauft. Dieser wollte die Werkzeuge, die dort hergestellt wurden, in Europa verkaufen. Jeremy zog mit seiner Familie nach Düsseldorf und arbeitete für diesen Konzern als technischer Außendienstmitarbeiter. Als sein Vater einen großen Auftrag von Airbus bekam, wurde in Delmenhorst eine Servicestelle eingerichtet, die Jeremy leitete. In Ganderkesee bezog Familie Bunting ihr Eigenheim.

„In einem großen Konzern werden oft andere Entscheidungen getroffen als in einem Familienunternehmen und das gefiel mir nicht“, erklärt Jeremy. So entschloss er sich, seine eigene Firma zu gründen. Sein Vater erwarb 50 Prozent an der Firma seines Sohnes. „Ich hatte eine Halle gemietet, Maschinen gekauft. Was ich nicht hatte, waren Kunden. In der Zeit habe ich nicht gut geschlafen“, erzählt Jeremy Bunting. Er hatte nicht nur Verantwortung für seine beiden damaligen Mitarbeiter, sondern auch für seine Familie. Mit den Töchtern Anna (13) und Emma (7) hatte sich die Familie in der Zwischenzeit vergrößert.

Heute beschäftigt er sieben Mitarbeiter und hat sich mit der Herstellung von hochpräzisen Werkzeugen einen Namen im In- und Ausland gemacht. Seine knappe Freizeit gehört seiner Familie und seiner Religionsgemeinschaft. In Bremen-Findorff wo die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ einen Sitz hat, ist Jeremy in einer leitenden Funktion ehrenamtlich tätig. Der Glaube an seine Fähigkeiten hat ihn zu dem gemacht, was er heute ist.

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