Bürstel Am Heidenwall steht sie noch heute: Die alte Dorfschule von Bürstel. 73 Jahre lang wurden hier Kinder der umliegenden Höfe unterrichtet, zusammen mit der vorherigen Klippschule gab es somit fast 300 Jahre lang eine Schule in Bürstel. Die Heimatstube gibt hier jetzt Einblicke in die Zeit vor der Bildungsreform Ende der 60er Jahre, die das Ende für alte Dorfschulen bedeutete. Karin Bellers kann sich noch gut an den Unterricht erinnern, denn sie besuchte die Bürsteler Schule von 1956 an für acht Jahre.

„Ich bin in Bürstel aufgewachsen“, blickte sie zurück. Ihr Elternhaus lag nicht weit von der Schule, nur knapp anderthalb Kilometer Strecke musste sie zurücklegen. „Der Weg war unbefestigt“, sagte Bellers, „wenn es mal matschig war, dann wurden eben Gummistiefel angezogen.“

Zu Fuß statt per Fahrrad

Mit dem Fahrrad durfte sie nicht zur Schule fahren – das war untersagt. „Erst ab zwei Kilometern Schulweg durften wir mit dem Rad kommen“, erinnerte sich die ehemalige Schülerin. Das sollte die Kinder ertüchtigen und abreagieren. Es hielten sich aber nicht alle an das Verbot und stellten ihre Räder heimlich an einem benachbarten Hof ab, wusste sie zu berichten.

An ihren ersten Lehrer kann sich Bellers noch besonders gut erinnern: „Wir hatten einen Junglehrer, Peter Brockmann. Der wohnte spartanisch unterm Dach der Schule.“ Dieser blieb nur drei Jahre in Bürstel, vielleicht auch, weil er mit seinen Ideen aneckte. „Hefte zum Schreiben, das fanden unsere Eltern schlimm“, sagte sie. Ihr Jahrgang war der erste, der in Bürstel nicht mehr mit alten Schiefertafeln, sondern auf Papier das Schreiben lernte.

Schule im Rückblick

Die Volksschule Bürstel Mitte der 60er Jahre: Schulleiter: Günther Göhler Lehrerinnen: Helga Risse, Erika Kunick Unterklasse: 28 Kinder Oberklasse: 41 Kinder

Die Einschulung wurde in der Familie nicht gefeiert. „Von uns hatte nur ein Kind eine Schultüte, ich selber nicht“, so Bellers. Den täglichen Schulweg trat sie auch ohne elterliche Begleitung an: „,Du kennst den Weg doch’, hieß es.“ Oft begleiteten sie aber ihre ältere Schwester oder ihr guter Freund Peter Speckmann.

Lehrer durften damals noch den Unterricht freier verteilen. „Wir sind viel in den Wald gelaufen oder haben barfuß geturnt“, erinnerte sich Bellers, „dafür gab es weniger Fachstunden.“ Sie findet aber, dass der Stoff im Unterricht damals sehr nachhaltig vermittelt wurde. „Wie ich den Inhalt einer Kugel ausrechne, weiß ich bis heute. Das Wissen sitzt noch.“

Disziplin war auch in den Pausen gefragt. „Wir durften nicht herumlaufen, sonst musste man zur Strafe zehn Reihen deutscher Schrift abschreiben.“ Wenn der Lehrer jemandem beide Hände mit ausgestreckten Fingern hochhielt, war das das Zeichen für eine solche Strafarbeit.

Mädchen singen besser

Auch wenn die Klassen, in denen jeweils vier Jahrgänge zusammen Unterricht hatten, gemischt waren: Für Mädchen und Jungen lief damals nicht alles gleich. „Wenn wir Musikunterricht hatten, mussten die Jungs, die zu starke ,Brummer’ waren, draußen Äpfel pflücken oder Holz stapeln“, erinnerte sich Bellers. Für Mädchen gab es auch einmal in der Woche besonderen Handarbeitsunterricht.

Ein großes Ereignis waren die jährlichen Schulausflüge. „Das waren eigentlich Dorfausflüge, weil alle Eltern mitgekommen sind“, sagte sie. Meist lag das Ziel nicht weit entfernt, dafür gab es dann einen Tag lang Spiele mit allen. „Später kam die Idee, dass wir in eine Jugendherberge fahren, da waren unsere Eltern sehr traurig, dass sie nicht mitkommen konnten.“

Karin Bellers wechselte nach acht Jahren in Bürstel zur Hauswirtschaftsschule und schloss eine Lehre in Bremen ab. Mit ihrer Familie lebt sie bis heute im Dorf und denkt gerne an ihre erste Schule zurück: „Die hat uns damals viel gegeben“, ist sie sich sicher.

Arne Haschen Redakteur / Redaktion Norden
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