Ganderkesee 28 Holzstufen muss Thorsten Ahlrichs bis zu seinem Arbeitsplatz emporsteigen. Jedes Mal geht er vorbei an seinen 18 Vorgängern, die auf drei Wandtafeln am ersten Treppenabsatz namentlich aufgeführt sind, angefangen bei „Gabriel Luther 1699 - 1713“. Organist an der St. Cyprian- und Corneliuskirche ist eine traditionsreiche Aufgabe, vor allem wenn der Arbeitsplatz ein Instrument ist, das der Orgelbauer Arp Schnitger 1699 schuf. Die Orgel sei damals wohl die komplexeste Maschine gewesen, die der Mensch habe bauen können. „Eigentlich ein Weltwunder“, sagt Ahlrichs.

Tag des offenen Denkmals

Das große Schnitger-Jahr 2019 zum 300. Todestag des Meisters ist vorüber. Aber die Orgeln und Töne erklingen weiter, auch am Sonntag in Ganderkesee zum Tag des offenen Denkmals. „Wir sind gesegnet mit einem guten Raumklang“, freut sich Ahlrichs und blickt von der oberen Empore ins große, hohe Weit der gotischen Halle des Kirchenschiffs. Der 42-jährige Kirchenmusiker ist seit 2015 Kreiskantor für die Kirchen Delmenhorst/Oldenburg Land und der erste in der langen „Ahnengalerie“, der die Stelle des Organisten hauptamtlich ausübt.

In den vergangenen Jahren habe er enorm von und an der Orgel gelernt, die Schnitger seinerzeit in nur 6 Monaten erbaute. Von der Anlage her eher eine Land- oder Dorforgel, erklingt sie so imposant wie eine Stadtorgel. „Arpp Schnitker. Anno Christi. 1699.“ steht in goldenen Buchstaben am Gesims unter dem Hauptturm.

Die Klangfarben bestimmen die in 22 Register vereinten Pfeifen und Töne. Das mit „Rohrflöte“ überschriebene Register lässt weiche, sanfte und volle Töne erklingen, die „Waldflöte“ hohe und laute, und majestätisch voluminös erschallt das „Trompeten“-Register. 1374 Pfeifen zählt die in Rot gefasste und zuletzt 2003 bis 2005 restaurierte Orgel. Viele Organisten pilgern nach Ganderkesee, um am Spieltisch in die aus südamerikanischem Schlangenholz gefertigten Tasten zu greifen.

Größte Orgel aller Zeiten

Johann Sebastian Bach und Dieterich Buxtehude pilgerten lieber nach Hamburg, um die mit 67 Registern vermutlich bis dahin größte Orgel aller Zeiten zu sehen, die Schnitger in fünfjähriger Arbeit für die St. Nikolai-Kirche gebaut hatte. Auch sie fiel 1842 dem Hamburger Brand zum Opfer. Die Orgel in Ganderkesee dürfte Bach möglicherweise gar nicht so sehr gelegen haben. Ihr „fehlen“ verschiedenen Halbtöne (cis, dis, fis, gis), die der damals modernere Bach aber schon nutzte.

Werke von früheren Komponisten und Organisten wie Jan Pieterszoon Sweelinck, Samuel Scheidt, Jacob Weckmann, Heinrich Scheidemann sind eher geeignet. „Ihnen ist die Orgel auf den Leib geschnitten“, sagt Ahlrichs. Auch das Instrument in Ganderkesee hat Veränderungen erlebt, vielleicht erlitten. „Aber Gott sei Dank, nie etwas Grundlegendes.“

Qualität war für Schnitger von herausragender Bedeutung – auch als schlagendes Verkaufsargument. Er verwendete ausschließlich 30 Jahre lang abgelagertes Eichenholz. Dabei lagerte das Holz mehrere Jahre im Wasser. Aus gutem Grund, wie Helmut Bahlmann von der international vernetzten Arp Schnitger Gesellschaft (ASG) in Brake erzählt: „So wurde dem Holz organische Säure entzogen, die zu dem tückischen Bleifraß in den Orgelpfeifen führt.“

Tüchtiger Geschäftsmann und Global Player

Bahlmann ist Pastor im Ruhestand, befasst sich seit langem mit Schnitger und den Orgeln, die wie er einmal sagte, Musik vom Himmel bringen. Schnitger sei nicht nur Tischler, perfekter Orgelbaumeister, tüchtiger Geschäftsmann und eigentlich der erste „Global-Player“ in seinem Fach gewesen. „Er war auch außerordentlich gebildet, von hoher Musikalität und auch von seiner Mission und Bestimmung als Christenmensch überzeugt.“ Viele Verträge signierte er – wie Bach seine Partituren – mit „SDG“ (Soli Deo Gloria/Allein Gott zu Ehre.)

In Brake-Golzwarden befindet sich auch das Arp-Schnitger-Zentrum, das mit Seminaren, Kursen und Orgelbautagen Werk und Wirken Schnitgers thematisiert und Laien näher bringen will. Auch ein vom Orgelbaubetrieb Jürgen Ahrend in Leer erstelltes Funktionsmodell steht in dem kleinen Zentrum, das vor rund zehn Jahren für rund 140 000 grundsaniert wurde. In Brake wurde Schnitger getauft und gefirmt in der St. Bartholomäus-Kirche, die seit einem Dachbrand 2019 hoch eingerüstet ist.

Von etwa 170 Orgeln, die Schnitger neu erbaute oder wesentlich umbaute, sind laut ASG ungefähr 30 in einem Zustand erhalten, der ihre Bezeichnung als „Arp-Schnitger-Orgel“ rechtfertigt. Schnitger, oft als „Stradivari der Orgel“ bezeichnet, lieferte auch ans katholische Portugal, wo ein Instrument in Moreira und ein weiteres an der Algarve in Faro steht. „So gesehen war Schnitger damals auch ökumenisch unterwegs“, sagt Bahlmann schmunzelnd. Der abgelegendste Standort dürfte aber Brasilien sein, wo eine Schnitger-Orgel rund 400 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro in Mariana erklingt.

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