Staatsanwaltschaft sichtet 10 000 Seiten über 2004 abgehörte Telefongespräche

Die federführende Staatsanwaltschaft in Neapel ermittelt in der Manipulationsaffäre im italienischen Fußball gegen 47 Personen wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Sportbetrugs. Gestern ließ sie Büros des italienischen Fußballverbands und der Schiedsrichtervereinigung in Rom durchsuchen. 41 Personen werden vernommen, auch Juves Ex-Manager Luciano Moggi.

2400 Seiten hat Neapels Staatsanwalt mit Beweismaterial gegen das „System Moggi“ gefüllt. Allein die Protokolle der 2004 abgehörten Telefongespräche füllen 10 000 Seiten.

29 Spiele sollen manipuliert worden sein. Neun Erst- und Zweitligisten sind im Visier der Staatsanwaltschaft.

Von Bernhard Krieger TURIN - Die Manipulationsaffäre um Juventus Turin weitet sich zu einem der größten Skandale in der Geschichte des italienischen Fußballs aus. 29 von 38 Meisterschaftsspiele soll Ex-Juve-Manager Luciano Moggi nach Vermutungen der Staatsanwaltschaft Neapel mit Hilfe von korrupten Schiedsrichtern, Spielern und Funktionären in der vergangenen Saison zu Gunsten des Meisters manipuliert haben. Nach WM-Schiedsrichter Massimo De Santis wird jetzt auch Italiens WM-Nationaltorhüter Gianluigi Buffon in den Skandal hineingezogen. Staatsanwälte sollen nach Medienberichten gegen den Juve-Keeper wegen Wettbetrugs ermitteln.

Fünf Staatsanwaltschaften kämpfen sich mittlerweile durch den Sumpf des offenbar von Korruption und mafiaähnlichen Strukturen durchsetzten Fußballsystems. Neun Erst- und Zweitligisten sind im Visier – der AC Mailand, Lazio Rom und der AC Florenz sollen in den Skandal verwickelt sein. Neben WM-Schiedsrichter De Santis stehen vier weitere Serie A-Schiedsrichter und sechs Linienrichter auf der Liste der Verdächtigen. „Ich fahre zur WM. Ich habe nichts getan“, sagte De Santis derweil.

Mit Präsident Franco Carraro und Vize Innocenzo Mazzini nahm fast die gesamte Führung des italienischen Fußballverbandes ihren Hut. Am Donnerstagabend trat der gesamte Juve-Vorstand zurück. Kurz vor dem möglichen Gewinn seines 29. Meistertitels am Sonntag droht Juve möglicherweise die Aberkennung des letzten Titels und der Zwangsabstieg, Torwart Buffon im Falle eines nachweislichen Wettbetrugs eine Sperre von mindestens drei Jahren. Buffon und drei weitere ehemalige Juve-Spieler sollen regelmäßig gewettet haben, einer der Juve-Spieler sogar für 1,6 Millionen Euro im Jahr.

Ex-Juve-Manager Luciano Moggi soll bei Nationaltrainer Marcello Lippi versucht haben, bei der Spielervermittlung seines Sohnes unter Vertrag stehende Fußballer ins Team zu bekommen. Franz Beckenbauer befürchtet schon Auswirkungen auf Lippis WM-Elf. „So etwas betrifft immer auch ein wenig die Nationalmannschaft.“

Die Regierung Romano Prodi kündigte die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission an. Prodi schlug vor, den Fußballverband unter Kontrolle eines von der Regierung beauftragten Kommissars zu stellen. Dieser Kommissar solle der scheidende Staatssekretär Gianni Letta, ein enger Mitarbeiter von Prodis Vorgänger Silvio Berlusconi, sein.

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