Leipzig Es war als Scherz gemeint, doch Manuel Neuers Gesicht verriet, dass ihn die Fragen der Journalisten nach seiner Form bei einem Schulbesuch in Leipzig nervten. „Die Kinderfragen waren sensationell, die Fragen jetzt trüben ein wenig die Stimmung“, sagte Neuer mit einem leicht gequälten Lächeln.

Der Fußball-Nationaltorwart redete vor rund 200 Kindern in der Aula der 94. Oberschule zunächst freundlich und charmant über seine Schulerfahrungen oder einen möglichen Positionswechsel. Bezüglich seiner zuletzt mäßigen Leistungen antwortete er kurz und knapp. „Ich bin in guter Form. Ich glaube, ich habe auch gegen Dortmund ein gutes Spiel gemacht. Ich bin mit mir im Reinen.“

Fakt ist: Der Druck auf den Kapitän ist im Länderspiel an diesem Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) gegen Russland und vier Tage später gegen die Niederlande in der Nations League hoch. Neuer verursachte beim BVB einen Elfmeter an Marco Reus, der Dortmund zurück ins Spiel brachte. Ob es sich um ein klares Foul von Neuer (“Er tritt mir in den Bauch“) handelte, ließe sich vielleicht noch diskutieren. Dass er sich mit seinem Zögern vor dem Herauslaufen aber selbst in die Bredouille brachte, ist unstrittig. „Ich habe gemerkt, wie Manu etwas gezögert hat“, meinte Reus.

Früher waren Neuers Kompromisslosigkeit und das perfekte Timing gefürchtet. Dafür braucht der Torwart vor allem Selbstvertrauen. Aber wo soll das herkommen? Von bislang 26 Schüssen aufs Tor wehrte Neuer in der Liga nur zwölf ab. Mit dem katastrophalen Wert von 46,2 Prozent belegt der Bayern-Kapitän den letzten Platz unter allen Torhütern mit mindestens sechs Einsätzen. Noch nie in seiner Karriere kam der frühere Schalker auf unter 50 Prozent gehaltener Schüsse. Zum Vergleich: In seinen besten Jahren lag sein Wert stets um die 80 Prozent.

Bei den vereitelten Großchancen sieht Neuers Statistik nicht viel besser aus: 7,1 Prozent. Die allgemeine Wahrnehmung, dass Neuer keine „Unhaltbaren“ mehr hält und die Aura des Unbezwingbaren verloren hat, sie wird durch die Zahlen bestätigt.

Ex-Nationaltorhüter Uli Stein spricht aus, was viele denken. „Mental könnte es selbst diesen Routinier belasten, dass eine erneute Fußverletzung die Karriere bedrohen könnte“, schrieb Stein in seiner „kicker“-Kolumne. Neuer verneint, dass er deswegen sein Spiel umgestellt habe: „Ich passe mein Spiel immer der Mannschaft an.“

Weil Marc-André ter Stegen mit Schulterprobleme fehlt, erübrigt sich dieser Tage eine Debatte über einen möglichen Wechsel im Tor. Neuer hat gegen Russland und die Niederlande die Chance, die Diskussionen um seinen Status als Nummer eins vorerst zu beenden. Gelingt ihm das nicht, könnte der Umbruch im Team vielleicht auch bald die Torwartposition betreffen.

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