Stuttgart Gemessen an der historischen Dimension des Länderspiels war das Zuschauerinteresse eine Farce. Gerade einmal 20 000 Fans waren ins Stuttgarter Neckarstadion gekommen, um die erste gesamtdeutsche Fußball-Nationalmannschaft zweieinhalb Monate nach der Wiedervereinigung gegen die Schweiz (4:0) spielen zu sehen. Die fünf erstmals nominierten Ostfußballer erinnern sich dagegen auch 25 Jahre später noch mit Ehrfurcht an den geschichtsträchtigen Tag am 19. Dezember 1990.

„Da hat etwas begonnen, was für mich extrem historisch war“, sagte Matthias Sammer dem „Kicker“. Der heutige Sportvorstand des Rekordmeisters Bayern München war der einzige Spieler aus dem Osten, der vom damaligen Bundestrainer Berti Vogts in die Startelf berufen worden war. Bei der Nationalhymne schwieg Sammer. Der sportliche Zusammenschluss von Ost und West war nicht einfach für den gebürtigen Dresdner, zumal er drei Monate zuvor die DDR als Kapitän im letzten Auftritt zum 2:0 gegen Belgien geführt hatte.

Doch nicht nur Sammer trug sich an diesem kalten und unbehaglichen 19. Dezember vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher ein. Der Ostberliner Andreas Thom, in der 74. Minute für Sammer eingewechselt, traf mit seinem ersten Ballkontakt nach 25 Sekunden zum 3:0. Auf der Bank jubelten auch Ulf Kirsten, Thomas Doll und Perry Bräutigam über das bis dahin schnellste Joker-Tor in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In diesem Moment schien die von Franz Beckenbauer direkt nach dem WM-Triumph 1990 geäußerte Vision, mit den DDR-Spielern „auf Jahre unschlagbar“ zu sein, gar nicht so abwegig.

„Das war schon etwas Besonderes unter all den Weltmeistern“, erinnerte sich Thom, der schon ein Jahr zuvor für 2,8 Millionen D-Mark vom DDR-Abonnementmeister BFC Dynamo zu Bayer Leverkusen gewechselt war. Die Integration in die Weltmeister-Mannschaft sei relativ problemlos verlaufen, sagte Thom: „Wir sprachen ja die dieselbe Sprache – nur hatte jeder seinen eigenen Dialekt.“

Sammer erinnert sich aber auch an Schwierigkeiten, die sich im Laufe der ersten gemeinsamen Jahre ergaben. Bundestrainer Vogts „hat uns und speziell mir vorgeworfen, dass wir zu verschlossen seien“, verriet Sammer. Vogts habe dies als Misstrauen gegen ihn empfunden, doch das konnte Sammer in einem klärenden Gespräch ausräumen.

Sammer war später beim deutschen EM-Triumph 1996 in England der überragende Spieler, im selben Jahre wurde er zu Europas Fußballer des Jahres gewählt. Beim historischen Länderspiel vor 25 Jahren deutete noch nicht viel auf diese grandiose Karriere hin.

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