Bei den Interviews nach dem Gruppensieg ist bei mir ein Satz hängengeblieben. Er stammte aus dem Mund und der Zahnlücke von Alex Popp. Sinngemäß sagte sie, dass ihr das Tor, das sie geschossen habe, jetzt natürlich Selbstbewusstsein gebe. Und dieser Satz hat mich deshalb so berührt, weil er mir zeigt, wie bescheiden die Spielführerin der deutschen Nationalmannschaft geblieben ist.

Deutschland war überlegen. Bei Südafrika spielt kaum jemand professionell Fußball und die gestandene Nationalspielerin Alexandra Popp, die im Achtelfinale ihr 100. Länderspiel bestreiten wird, tankt ausgerechnet hier mit ihrem Tor zum 3:0 in aller Bescheidenheit Selbstbewusstsein. Das fand ich, mit dem Wissen, dass sie zuvor eine hundertprozentige Chance vergeben hatte und in den beiden Spielen zuvor ebenfalls ohne Treffer geblieben war, irgendwie bemerkenswert.

Das erste Mal traf ich Popp vor neun Jahren. Damals war sie 19, frisch gebackene U-20-Weltmeisterin geworden und spielte beim FCR Duisburg. Damals bestellte sich „Poppi“ (ausnahmsweise!) einen Kakao mit sehr viel Sahne und erzählte mir, dass sie gerade sechs Kilo abgenommen habe. Sie selbst hatte nie den Eindruck, als müsste sie auf ihr Gewicht achten, doch ihr fußballerisches Umfeld sah das anders. Diese sechs Kilo waren vielleicht die Initialzündung zu einer herausragenden Karriere.

Heute ist sie Kapitänin der DFB-Elf und Olympiasiegerin, mit ihrem Verein VfL Wolfsburg hat sie Pokal, Meisterschaft und Champions League mehrfach gewonnen. Viel mehr geht nicht! Ich bin mir sicher, dass sie so erfolgreich ist, weil sie auf dem Teppich geblieben ist. Damit ist sie immer gut gefahren. So schlug sie wohl 2008 ein lukratives Angebot von Olympique Lyon aus und wechselte stattdessen zum nicht sonderlich finanzkräftigen FCR Duisburg. Dort traf sie auf die ebenfalls bodenständige Trainerin Martina Voss-Tecklenburg. Heute bilden die beiden eine wichtige Achse in der Nationalelf. Kapitänin und Bundestrainerin. Sie kennen sich. Sie vertrauen sich. Sie können sich aufeinander verlassen.

Sie sind beide wunderbar unaufgeregt in diesem Zirkus, der der Frauenfußball auf dieser Ebene auch schon ist. Als beide in Duisburg arbeiteten, ging „Poppi“ noch zur Schule. Bei Auswärtsfahrten musste sie hin und wieder Klausuren schreiben und es war „MVT“, die den förmlich versiegelten Umschlag öffnete und ihre Spielerin – mal mehr, mal weniger – bei der Bearbeitung beaufsichtigte. Vor einem Spiel in London durften ihre Duisburger Kolleginnen shoppen gehen. „Poppi“ durfte nicht mit und musste stattdessen eine Deutsch-Klausur schreiben. Über Fontanes ‚Effi Briest’. Leider hatte sie das Buch nie gelesen und packte heimlich ihr Laptop aus. Gebracht hat es nichts. Sie bekam trotzdem eine 5. Solche Erfahrungen schweißen zusammen und erklären vielleicht das besondere Verhältnis zwischen der Chefin am Spielfeldrand und Chefin auf dem Spielfeld.

In Duisburg war Alex Popp das erste Mädchen, das auf die Schalker Eliteschule am Berger Feld durfte. Dort trainierte sie u.a. mit Joel Matip, der jüngst mit dem FC Liverpool die Champions League gewann. Sie überzeugte die mehr als skeptischen Jungs durch ihr Können und durch ihre Art. Echt und ehrlich. Sie kommt, wie man so schön sagt, aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern mussten in ihrer Jugend zwischenzeitlich Privatinsolvenz anmelden. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder hat Popp damals die Familie ernährt, obwohl sie selbst kaum etwas verdiente. Ihr Haupteinkommen war das Tagegeld bei DFB-Lehrgängen. Diese Phase ihres Lebens war hart und nicht unbedingt kindgerecht. Doch diese Zeit hat „Poppi“ stark gemacht.

Ich vermute, dass in solchen Erfahrungen die Wurzeln ihrer Bodenständigkeit liegen und ich wünsche mir sehr, dass sie diese behält.

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