Sotschi Die Traditionalisten befürchteten schon das Ende aller Stammtisch-Diskussionen, doch trotz des Videobeweises wird beim Confed Cup in Russland weiter heftig debattiert. Ein nicht gegebener Elfmeter, eine Verwechslung beim Platzverweis und immer wieder fragende Blicke Richtung Schiedsrichter nach umstrittenen Szenen - beim technischen Fortschritt besteht noch Nachholbedarf.

„An den Videobeweis müssen wir uns erst mal gewöhnen. Vielleicht braucht es noch ein bisschen Zeit und man kann das optimieren“, sagte Bundestrainer Joachim Löw nach dem Halbfinaleinzug bei der Mini-WM durch das 3:1 (0:0) gegen Afrikameister Kamerun.

Für den großen Aufreger des Spiels in Sotschi sorgte Schiedsrichter Wilmar Roldán. Der Kolumbianer zeigte in der 65. Minute zunächst Kameruns Sébastien Siani nach einem vermeintlichen Foul an Emre Can Gelb. Dann mischte sich der „Video Assistant Referee“ (VAR), der Zugriff auf alle TV-Kameras hat, per Funk ein - und Roldán zückte Rot. Das Problem: Dem falschen Spieler.

Roldán korrigierte nach Rücksprache seine Entscheidung erneut und schickte Ernest Mabouka für das Foul an Can vom Platz, für das allerdings eine Gelbe Karte vollkommen ausgereicht hätte. „Das war ein bisschen komisch. Es war kurios“, erklärte Joshua Kimmich verwundert. Kameruns Trainer Hugo Broos fügte verärgert an: „Alle waren verwirrt, auch ich. Wir wussten nicht, was da passiert.“

Grundsätzlich stößt das neue technische Hilfsmittel bei Verantwortlichen und Spielern auf Zustimmung, doch die Test- und Eingewöhnungsphase ist für alle noch nicht abgeschlossen. „In einigen Fällen hat er sich bewährt - Tor oder nicht Tor, Abseits oder kein Abseits. Wenn schnelle Entscheidungen getroffen werden können, finde ich das schon gut“, sagte Löw über den Videobeweis.

Warum er allerdings am letzten Spieltag der Gruppe A in der Begegnung zwischen Russland und Mexiko (1:2) nach einem Foul im Strafraum an Juri Schirkow nicht bemüht wurde, erschloss sich nicht sofort. Denn der VAR kann bei vier Situationen eingreifen: Tor, Elfmeter, Platzverweis und Spielerverwechslung.

„Es ist unmöglich, immer die perfekte Entscheidung zu treffen - weil es bei vielen Szenen um Interpretationen geht. Aber es geht darum, klare Fehler zu vermeiden. Das ist gut für den Fußball. Und da sind wir auf einem guten Weg“, sagte Marco van Basten, der Technische Direktor des Weltverbandes FIFA.

Oliver Bierhoff warnte aber davor, den Videobeweis zu oft einzusetzen. „Wenn sie es konsequent durchführen, wird es doch zu häufig, aber bei wichtigen Entscheidungen ist es schon beruhigender“, sagte der DFB-Teammanager.

Der Videobeweis wird ab der kommenden Saison auch in der Bundesliga genutzt. Projektleiter Hellmut Krug erwartet weniger Diskussionen als beim Confed Cup. „Wir üben seit einem Jahr sehr, sehr fleißig“, sagte der ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter am Montag bei einem Workshop in Hannover. Dagegen seien die Teams in Russland „in neun, zehn oder vielleicht elf Tagen ausgebildet“ worden. „Dass da nicht alles funktionieren kann, ist klar“, sagte Krug.

Lars Stindl steht der Sache positiv gegenüber. „Ich halte das für sinnvoll. Es darf aber nicht den Fluss eines Spiels stören“, sagte der Gladbacher. Bierhoff betonte, „wenn es einmal gelebt wird, werden die Spieler verstehen, dass Diskutieren sinnlos ist“. Davon ist man beim Confed Cup aber noch ein gutes Stück entfernt.

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