Barcelona Sein wichtigstes Spiel verlor Johan Cruyff am 7. Juli 1974 im Münchner Olympiastadion, den größten Kampf seines Lebens am Donnerstag in Barcelona. Der einstige Fußball-Weltstar, der im Alter von 68 Jahren nach einer Krebserkrankung starb, wird in Deutschland vor allem wegen der 1:2-Niederlage gegen die DFB-Auswahl um Franz Beckenbauer im WM-Endspiel vor 42 Jahren in Erinnerung bleiben.

„Ich bin geschockt. Er war nicht nur ein sehr guter Freund, sondern auch ein Bruder für mich“, sagte Beckenbauer über seinen einstigen Rivalen. Dieser hatte im WM-Endspiel nach wenigen Sekunden den Foulelfmeter zur niederländischen Führung herausgeholt, musste am Ende aber trotzdem ohne den WM-Titel heimfahren.

Johan Cruyff im November 2015 BILD: dpa
Johan Cruyff im November 2015 BILD: dpa dpa

In 48 Länderspielen 33 Tore

Die Spielerkarriere von Johan Cruyff: Ajax Amsterdam (1964 - 1973, 1981 - 1983), FC Barcelona (1973 - 1978), Los Angeles Aztecs (1979 - 1980), Washington Diplomats (1980 - 1981), UD Levante (1981), Feyenoord Rotterdam (1983 - 1984).

Als Trainer arbeitete Cruyff bei Ajax Amsterdam (1985-1988) und beim FC Barcelona (1988-1996).

In der Nationalelf der Niederlande kam er 48-mal zum Einsatz (33 Tore). Im Oktober 1977 bestritt er sein letztes Länderspiel. Ein mögliches Comeback bei der WM 1978 in Argentinien kam nicht zustande. Cruyff erklärte später, es habe in jener Zeit einen (fehlgeschlagenen) Versuch gegeben, ihn und seine Familie zu entführen. Er habe daher seine Familie nicht allein lassen wollen und daher auf die WM verzichtet.

Einstiger Kettenraucher

In einem Werbespot gegen das Rauchen jonglierte Cruyff 1991 sogar eine Zigarettenschachtel, als wäre sie ein Ball. Zum Schluss kickte der einstige Kettenraucher sie weg. Im gleichen Jahr war der damalige Trainer des FC Barcelona knapp einem schweren Herzinfarkt entgangen und musste sich einer Bypass-Operation unterziehen. 1997 hörte er nach weiteren Herzbeschwerden als Trainer auf.

Cruyffs Tod sei die Folge einer Lungenkrebs-Erkrankung, hieß es am Donnerstag von seiner Stiftung. Dabei hatte er sich noch Mitte Februar zuversichtlich gezeigt. „Ich habe das Gefühl, mit 2:0 in der ersten Halbzeit eines Spiels vorn zu liegen, das noch nicht zu Ende ist. Aber ich bin mir sicher, dass ich es gewinnen werde.“

Kaum hatte sich die Todesnachricht verbreitet, würdigten die Großen seiner Zeit den gebürtigen Amsterdamer. Brasiliens Idol Pelé lobte Cruyff als großartigen Spieler und Trainer: „Er hinterlässt ein wichtiges Erbe für unsere Fußball-Familie. Wir haben einen großen Mann verloren.“ Vom größten Strategen „unserer Zeit“ schwärmte der deutsche Ex-Nationalspieler Günter Netzer. Am Freitagabend wurde das Länderspiel zwischen den Niederlanden und Frankreich (2:3) in der 14. Minute unterbrochen. Die Zuschauer in Amsterdam erhoben sich von ihren Plätzen und applaudierten in Gedenken an Cryuff, der stets mit der Trikotnummer 14 aufgelaufen war.

Der filigrane Techniker setzte auf dem Rasen die als „Voetbal totaal“ in die Sport-Geschichte eingegangene Offensiv-Philosophie von Trainer und Mentor Rinus Michels um. Er war eine ebenso unumstrittene Führungsfigur wie Beckenbauer auf deutscher Seite. Bevor der Kaiser den FC Bayern von 1974 bis 1976 dreimal zum Triumph im Europapokal der Landesmeister führte, hatte Cruyff dieses von 1971 bis 1973 mit Ajax Amsterdam vorgemacht.

Aus seiner Heimstadt wechselte der am 25. April 1947 geborene Cruyff dann 1973 zum großen FC Barcelona. Die katalanische Metropole wurde zur zweiten Heimat von „König Johan“. Als Trainer führte er den Club 1992 zum erstmaligen Gewinn des Landesmeister-Cups.

Jordi statt Jorge

Dass Cruyff in Barcelona seit Jahrzehnten verehrt wird, liegt zum einen an seinem Spielstil, den er als Aktiver und als Trainer pflegte beziehungsweise pflegen ließ. Zum anderen machte ihn eine sehr persönliche Geste dort legendär: Cruyff benannte seinen am 9. Februar 1974 in Amsterdam geborenen Sohn (auch dieser wurde später Fußballprofi) nach dem katalanischen Schutzpatron Jordi. Als Cruyffs Frau mit dem Baby dann nach Barcelona zum dort spielenden Fußballstar übersiedeln wollte, weigerten sich die Behörden zunächst, den Namen Jordi für den Neubürger ins Melderegister einzutragen. Sie verlangten die spanische Version Jorge. Hintergrund war, dass in Spaniens Diktatur unter General Franco jegliche Autonomiebestrebungen – wie beispielsweise in Katalonien – unterdrückt wurden. Cruyff senior bestand allerdings darauf, dass der Sohn als „Jordi“ angemeldet wurde und setzte sich damit auch durch.

Der als Ideengeber und Torschütze gleichermaßen starke Cruyff sagte ein Leben lang auch stets unverblümt seine Meinung. Das brachte ihm im Münchner WM-Finale nach der ersten Halbzeit auf dem Weg in die Kabine die Gelbe Karte durch den englischen Schiedsrichter John Taylor ein. Später kritisierte Cruyff mit scharfer Zunge im Fernsehen und als Kolumnist der Zeitung „De Telegraaf“ gern seine Nachfolger.

Pressestimmen

Der Tod von Johan Cruyff hat weltweit Bestürzung ausgelöst. Viele Medien betonten, wie sehr er das Fußballspiel geprägt habe.

Spanien

El País: Adiós Johan, es lebe der Cruyffismus. Als Spieler war er einzigartig, als Trainer ein Revolutionär. Der Niederländer hat den Fußball neu gestaltet und die Geschichte von Ajax und Barça verändert. Marca: Das Genie, dass den Fußball neu erfand. Der dünne Kerl hat auf dem Rasen und von der Bank aus den Fußball revolutioniert. El Mundo Deportivo: Wir werden mit Stolz sagen können, dass wir Dich haben spielen sehen.

Großbritannien

The Guardian: Großbritannien hatte die Beatles und die Stones. Die Niederlande hatten Johan Cruyff. Ihre Kunstformen waren verschieden, aber ihr Erbe war genauso bedeutend.

Italien

Corriere dello Sport: Ein Genie, das aus der Zukunft kam. Das Super-Barça von heute ist noch immer ein Erbe seiner Intuitionen.

USA

The Washington Post: Nachdem Cruyff den europäischen Fußball inspiriert und verändert hat, hat er seine Magie und seine visionären Ideen in die USA gebracht. The New York Times: Er stellte die Schönheit über die Effizienz, wenngleich er bevorzugte, beides zu zeigen.

Hauke Richters Leitung / Sportredaktion
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