GELSENKIRCHEN Es gibt diese Wochen in der Kindheit, in denen das Leben Fahrt aufnimmt, in denen sich Welten öffnen; es sind Wochen, nach denen das Leben und die Welt anders sind. Größer und weiter.

Es war im Sommer 1974, einem kühlen und ziemlich verregneten Sommer. Es war der Sommer nach Willy Brandts Rücktritt und Helmut Schmidts Kanzlerwahl. Ich war 15 Jahre alt. Da interessierte es uns weniger, in welcher Aufstellung das Bundeskabinett gerade antrat. Im Mittelpunkt unseres Handelns und Denkens stand die deutsche Nationalmannschaft: Wir wollen Weltmeister werden im eigenen Land. Vom 13. Juni bis 7. Juli hatten die Mädchen in Gelsenkirchen Ruhe vor uns. Das Leben bekam für vier Wochen einen tieferen und ernsteren Sinn.

Die Vorbereitungen auf diese WM begannen im Herbst 1973. Meine Eltern fuhren mit mir zur alten „Glückauf-Kampfbahn“ in den Stadtteil Schalke. Dort standen wir Stunden vor einem Gebäude an, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass im Jahr darauf Vater und Sohn Teil eines geschichtsträchtigen Ereignisses werden konnten. Wir erwarben Berechtigungsscheine für Eintrittskarten zu zwei Spielen der Fußball-WM im Gelsenkirchener Parkstadion. Wer da gegen wen antreten würde, stand nicht fest. Die Gruppen-Auslosung erfolgte Monate später, genauso wie die Ausgabe der richtigen Eintrittskarten. Am Ausgabetag regnete es in Strömen, so wie es Wochen später im Frankfurter Waldstadion in der legendären Wasserschlacht gegen Polen (1:0) sein sollte.

Wir hatten Karten, ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich war im Aufgebot.

Nun galt es nur noch, die Wochen bis zum Start der WM zu überstehen. Auf der Strecke bis dahin lagen der Kanzlerwechsel, die Vorstellung des ersten VW Golf, die Lohnerhöhung von elf Prozent in der Metallindustrie und der Beschluss der Bundesregierung, das Alter für Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre zu senken. Eine nette Geste, aber nicht greifbar. Bis dahin waren es noch zweieinhalb Jahre und eine Europameisterschaft. Und vorher gab es noch das Trainingslager in Malente: Franz Beckenbauer nächtigte bei Heidi Brühl, und andere fuhren auf die Reeperbahn. Echte Kerle, unsere Idole. Lasst uns endlich anfangen.

Vom ersten Spiel an saß ich gebannt vor unserem Schwarz-Weiß-Fernseher, meine WM gewann endlich an Fahrt. Der Fußball war endgültig zum Lebensmittelpunkt geworden, nur unterbrochen durch Schulbesuche. Das Fußballfieber wurde allerdings für ein paar Tage gesenkt, nämlich nach der 0:1-Niederlage gegen die DDR. Das war kein Betriebsunfall, das war kollektives Versagen. Die westdeutsche Fußballerseele nahm schweren Schaden. Der Haussegen zwischen uns und unserer Mannschaft hing gehörig schief. Erste Zweifel kamen auf. Sollte ich etwa nicht Weltmeister werden? Nur weil dieser Sparwasser...

Am 18. Juni hatte ich meinen ersten Einsatz im Parkstadion gehabt. Wir sahen zusammen mit meinem gleichaltrigen Cousin Thomas und dessen Vater Zaire gegen Schottland (0:2). Und am 30. Juni kam der Tag der Rache. Wir hatten Karten für Holland gegen DDR. Es war die zweite Finalrunde in der Gruppe A. Für einen Tag waren wir Holländer. Wir hatten Fritz-Walter-Wetter. Ich habe in der Schalker Nordkurve (Block 5) alles gegeben, die Tore schossen dann 1:0 Neeskens (13. Min.), 2:0 Rensenbrink (59.). Von den Landsleuten haben wir uns singend verabschiedet: Ihr könnt nach Hause fahren.

Jetzt konnte ich ja doch noch den Titel holen. Aber gegen diese Holländer um Johann Cruyff? Egal. Endspiel: Holland gegen Deutschland in München. Meine Eltern hatte ich zu Onkel und Tante ausquartiert. In unserem Wohnzimmer saßen sieben Jungen um die 15. Chips und Salzstangen waren noch nicht verteilt, die Cola noch nicht eingegossen, da gab es nach 57 Sekunden Elfmeter für Holland. Das war es dann wohl. Aber nein: 1:1 durch Paul Breitner (25.). Und es kam noch besser. Gerd Müller schoss in der 43. Minute den Siegtreffer. Nach dem Abpfiff ein Moment der Stille. Dann wurden in unserer Doppelhaus-Siedlung überall die Haustüren aufgerissen und alle liefen auf die Straße. Unbeschreiblich – und nur noch zwei Wochen bis zu den Sommerferien.

35 Jahre später sollte ich dann Jürgen Sparwasser kennen lernen. Der südafrikanische Botschafter hatte in Berlin für den 2. Dezember 2009 zur Liveübertragung der Gruppenauslosung für die WM 2010 eingeladen. Als nach der Auslosung der Moderator verkündete „Und jetzt wird uns gleich Jürgen Sparwasser noch einmal sein 1:0 gegen die Bundesrepublik schildern“, da bin ich schnell gegangen – und mit mir ganz viele Weltmeister von 1974.

Das deutsche Aufgebot Tor Toni Turek (Fortuna Düsseldorf/Jahrgang 1919), Heinz Kwiatkowski (Borussia Dortmund/ 1926), Heinz Kubsch (Pirmasens/1930). Abwehr Hans Bauer (Bayern München/1927), Herbert Erhardt (SpVgg Fürth/1930), Werner Kohlmeyer (1. FC Kaiserslautern/1924), Fritz Laband (Hamburger SV/ 1925), Werner Liebrich (1. FC Kaiserslautern/ 1927), Josef Posipal (Hamburger SV/1927). Mittelfeld Horst Eckel (1. FC Kaiserslautern/ 1932), Karl Mai (SpVgg Fürth/1928), Paul Mebus (1. FC Köln/1920), Alfred Pfaff (Eintracht Frankfurt/1926), Fritz Walter (1. FC Kaiserslautern/ 1920). AngriffUlrich Biesinger (BC Augsburg/1933), Richard Herrmann (FSV Frankfurt/1923), Bernhard Klodt (Schalke 04/ 1926), Karl-Heinz Metzner (Hessen Kassel/1923), Max Morlock (1. FC Nürnberg/1925), Helmut Rahn (Rot-Weiß Essen/1929), Hans Schäfer (1. FC Köln/ 1927), Ottmar Walter (1. FC Kaiserslautern/ 1924). Trainer Sepp Herberger (1897)

Die deutschen SpieleDeutschland - Türkei 4:1, Deutschland - Ungarn 3:8 (beide Vorrunde), Deutschland - Türkei 7:2 (Entscheidungsspiel), Deutschland - Jugoslawien 2:0 (Viertelfinale), Deutschland - Österreich 6:1 (Halbfinale), Deutschland - Ungarn 3:2 (Finale am 4. Juli im Berner Wankdorf-Stadion).

Der Schriftsteller Peter Handke hat „die Mannschaftsaufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. Januar 1968“ zu einem Gedicht dieses Namens verarbeitet. Unsterblich sind Fußballer wie Wabra, Wenauer, Strack oder Popp dadurch nicht geworden. Für die Ewigkeit steht nur die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft vom 4. Juli 1954, vorzutragen in diesem Versmaß: Turek, Posipal, Kohlmeyer (Luft holen) Eckel, Liebrich, Mai (Luft holen), Rahn, Morlock, Ottmar Walter, Fritz Walter, Schäfer (in einem Atemzug).

Die elf Spielernamen bete ich notfalls heute noch im Schlaf herunter. Nie habe ich ein Gedicht auswendig so schnell zu lernen, vorzutragen und abzuspeichern vermocht. Noch fester hat sich ein Fußballfan dieser Generation wohl nur noch die Namen seiner Ehefrauen und Kinder eingeprägt. Störende Spielerwechsel ließen die Regeln damals nicht zu. Aufstellungen waren festgefügte Kunstwerke in elf Teilen.

Die Weltmeister-Aufstellung von Bern war sofort Geschichte. Die DFB-Auswahl spielte in dieser Formation vorher nur im Halbfinale gegen Österreich (6:1) zusammen und nach dem 3:2-Sieg gegen Ungarn nie wieder. Unsere Jungen-Truppe in der sauerländischen Kleinstadt hielt viel länger. Wir Zwölfjährigen trugen die Namen der besten Spieler der Welt. Ich war Horst Eckel, weil ich die beste Ausdauer und die schlechteste Technik hatte.

Onkel Jupps Fernseher

Den Tag des Endspiels erlebte ich privilegiert. Mein Onkel Jupp besaß einen der wenigen Fernseher. An einen Fernsehkommentar habe ich überhaupt keine Erinnerung. Das darf man heute zu den guten Erinnerungen zählen. Beim 2:0 für Ungarn meinte Tante Else: „Noch ist Polen nicht verloren“, was ich nicht verstand. Als Rahn das 3:2 geschossen hatte, rief meine Mutter: „Habt ihr gesehen, nebenan ist der Jens aus dem Fenster gesprungen!“ Das lag zum Glück ebenerdig. Beim Schlusspfiff sagte Onkel Jupp: „Ich glaub, ich werd verrückt – aber vorher nehme ich erst noch ein Pülleken.“

Dann sang er, wie viele auch im Stadion in Bern, die erste Strophe des Deutschlandliedes: „Besser wäre die dritte, aber die kenne ich gar nicht“, entschuldigte er sich.

Hinterher haben wir auf der Wiese von Bauer Hücking Fußball gespielt und uns mit „Herr Weltmeister“ angeredet. Am Abend forderte im Radio ein Politiker, den 4. Juli fürderhin jedes Jahr als Tag des Deutschen Sports zu begehen. Gleichzeitig hatten ja auch noch die Mercedes-Silberpfeile in Reims gewonnen. So weit reichte die jugendliche Fantasie, aus dem eigenen Fahrrad einen Formel-1-Boliden zu machen – aber nicht so weit, dass dieser Tag in der rückblickenden Einordnung einmal „wirklicher Geburtstag der Bundesrepublik“ genannt werden sollte.

Aufstellung rückwärts

Der Alltag holte uns nach den Ferien ein. Beim Gedichtaufsagen blieb ich stecken. Deutschlehrer „Mecki“ Keller wiegte den Kopf: „Na gut, Horst Eckel, dann sage doch mal die Weltmeister-Mannschaft auf – aber von hinten nach vorn, fang bei Schäfer an!“ So ein Fiesling, eine Gemeinheit! Ich weiß nicht mehr, ob ich das reibungslos geschafft habe. Aber ich glaube, dass heute kein Lehrer ungestraft davon käme, würde er einem Schüler ein solches traumatisches Erlebnis bereiten. Zum Glück hat es mich nicht fürs Leben geschädigt.

Autor des Beitrages ist Norbert Wahn. Der 51-jährige Redakteur der Nordwest-Zeitung erzählt, wie er als Jugendlicher die WM 1974 in Deutschland erlebte.

Norbert Wahn Redakteur / Politikredaktion

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