London Sam Allardyce stand in einem weißen Polohemd vor seinem Haus und wollte nur noch weg. „Ich werde ins Ausland reisen, um mich zu erholen und darüber nachzudenken, was passiert ist“, sagte der 61-Jährige, der Englands Fußball mit einer „Dummheit“ in die Krise gestürzt hatte.

Nur 68 Tage nach seiner Berufung muss der angeschlagene Verband Football Association (FA) einen handfesten Skandal abwickeln und schon wieder einen neuen Teammanager einstellen - die Fahndung nach Mister X fesselt die ganze Insel. Arsenal-Ikone Arsène Wenger, Meistercoach Claudio Ranieri von Leicester City und auch der frühere Bundestrainer Jürgen Klinsmann gelten als mögliche Kandidaten.

Der Weltmeister von 1990 setzte den Spekulationen jedoch prompt ein Dementi entgegen: „Die Gerüchte um England entsprechen nicht der Wahrheit“, schrieb Klinsmann am Mittwoch bei Twitter. Stattdessen wolle der US-Nationaltrainer seinen Fokus auf den Start der finalen WM-Qualifikationsrunde am 11. November in Columbus gegen Mexiko richten.

Unterdessen bekommt Englands Ein-Spiel-Manager - der laut Informationen des „Mirror“ an der spanischen Costa Blanca ausspannen wird - von den Altstars der „Three Lions“ so richtig sein Fett weg. „Ich dachte, England könnte nicht mehr tiefer sinken als bei der EURO 2016“, sagte der frühere Stürmerstar Alan Shearer der BBC: „Doch bitteschön, wir sind eine Lachnummer im Weltfußball.“

Mehr Mitleid hatte da Manchester Uniteds Teammanager José Mourinho. „Das Einzige, was ich sagen kann ist, dass ich Sam mag. Es tut mir leid, weil ich weiß, dass es ein Traumjob ist“, sagte der Portugiese: „Zweitens kann ich sagen, dass das, was passiert ist, meine Beziehung zu ihm nicht beeinträchtigen wird. Ich mag ihn und habe ihn vorher immer respektiert. Das wird sich nicht ändern.“

Allardyce war im August in eine Falle von Reportern der englischen Zeitung „Telegraph“ getappt. Die Journalisten hatten sich als Investoren ausgegeben und entlockten dem Coach offenbar Tipps, mit denen sich die Transferregeln der FA und FIFA umgehen lassen. Außerdem soll er über Vorgänger Roy Hodgson sowie einige Nationalspieler gelästert haben und einen Beratervertrag mit den angeblichen Geschäftspartnern eingegangen sein, der ihm 461.000 Euro einbringen sollte. Am Dienstag kündigte die FA das Arbeitsverhältnis mit Allardyce. Der „Telegraph“ kündigte am Mittwoch bereits weitere Enthüllungen an: Acht aktuelle und ehemalige Premier-League-Trainer hätten den Recherchen zufolge Schmiergeld für Spielertransfers erhalten, schrieb die Zeitung. Sie berief sich auf Aussagen von Spielervermittlern. Details würden in den kommenden Tagen veröffentlicht, sagte ein „Telegraph“-Sprecher am Mittwoch.

Darunter sei auch der Name eines Co-Trainers, der von Undercover-Reportern umgerechnet 5800 Euro (5000 Pfund) an Schmiergeld entgegengenommen haben soll. Das Blatt habe „umfassende Beweise“ für Korruption im Fußball gefunden, hieß es.

„Im Nachhinein war es eine Dummheit, das zu tun“, sagte er am Mittwoch in Bolton, die Hinterlist habe gewonnen. Reporter der britischen Fernsehanstalten hatten sein Anwesen zuvor belagert, auch die Schlagzeilen der Presse taten dem langjährigem Trainer nach dem wohl größten Fehler seiner Karriere weh. „Die Herrschaft von Big Sam ist vorbei. Der Witzbold zahlt den Preis dafür, dass er sich wenige Wochen nach dem Antritt als England-Coach selbst verhökert“, schrieb der Guardian.

„Ich bin in eine Falle getappt und wollte nur einer Person einen Gefallen tun, die ich schon 30 Jahre kenne“, versuchte sich Allardyce noch zu rechtfertigen. Doch sein England-Traum ist zerstört und sein ehemaliger Arbeitgeber längst auf der Suche nach einem Nachfolger. Die beste Ausgangsposition hat dabei U21-Coach Gareth Southgate, der in den kommenden vier Spielen interimsweise auf der Trainerbank sitzen wird.

Ob er allerdings auch zur Dauerlösung wird, ist unklar. „Ich bin ein großer Fan von Wenger. Wenn die FA ihn kriegen könnte, wäre es eine brillante Lösung“, sagte der frühere FA-Vorsitzende Greg Dyke. Doch auch Klinsmann gilt trotz seiner Äußerungen erneut als Kandidat. Der 52-Jährige war bereits im Sommer gehandelt worden und steht bei den Buchmachern erneut hoch im Kurs.

Auch die britischen Medien sehen den Schwaben im Rennen. Schon im Juli hatte es Gerüchte um ein Vorstellungsgespräch Klinsmanns bei der FA gegeben. Schließlich entschied sich der Verband für Allardyce. Und steht nach dem Skandal nun erneut vor der Wahl.

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