Evian Wenn Steffen Simon ins Stadion kommt, dann ist alles schon gelaufen. Nicht das Spiel natürlich, aber die Vorbereitung auf selbiges. Dann wird nichts mehr gelesen, außer dem Spiel. Denn das ist die Kunst eines Fußballkommentators.

Schon morgens biegt der ARD-Mann in einen Tunnel ein, aus dem er erst etwa zwei Stunden nach Abpfiff wieder herauskommt. Dann, wenn das Adrenalin nachlässt. „Danach bin ich leer und kaputt“, sagt er.

Seit 18 Jahren ist Simon Fußball-Kommentator. Ohne es genau zu wissen, vermutet er an die 150 Live-Spiele kommentiert zu haben. Das Kurzzeitgedächtnis ist dem 51-Jährigen dabei sein wichtigster Gefährte. Ihm vertraut er. Ganz besonders bei so einem Turnier wie hier in Frankreich.

Vor jedem Spiel hämmert er sich die Lebensläufe von 46 Spielern in den Kopf. Also jeweils den kompletten Kader, denn „man weiß ja nie, wer wirklich spielt“. Taucht ein Spieler X auf, muss er alles über ihn wissen. Sofort, ohne nachzulesen. Alles, was auf dem kleinen Tisch vor ihm liegt sind zwei getippte Zettel, die er in seinem Rucksack mit ins Stadion trägt. Nur im absoluten Notfall schaut er darauf. Simon hat das große Privileg, ein auf den Punkt „perfekt funktionierendes Kurzzeitgedächtnis“ zu haben. Wenn er nachts schläft, wird alles gelöscht. Wenn er morgens aufwacht, sind die Spieler verschwunden.

Nun gibt es Nationen, bei denen die Spieler kein Mensch kennt, weil sie, wie bei den Nordiren, in der vierten englischen Liga unterwegs sind. Hier erarbeitet sich Simon mit seinem Assistenten eigene Spielerbiographien im Netz. „Youtube ist da eine große Hilfe“, meint Simon. Früher blieb ihm manchmal nur das Bild im Panini-Album – welch ein Fortschritt.

Auch intern entwickelt sich die Arbeitsweise immer weiter. So hat ein Sportschau- Kommentator seit der WM 2006 einen direkten Draht zu einem Schiedsrichter, um bei brenzligen Situationen direkt Rücksprache halten zu können. Der ehemalige DFB- Schiedsrichter Jürgen Jansen verfolgt die Spiele im internationalen Medienzentrum in Paris und kann von Simon während des Spiels per Knopfdruck jederzeit kontaktiert werden. „Eine absolute Bereicherung“, meint er. Und eine Art Sicherheitsnetz für die angeblich meist gemobbte Berufsgruppe. Selbstkritisch ist Simon immer, aber unsachliche Kritik über das Feuilleton oder Twitter lässt er nicht an sich heran. Sie sei nur vernichtend.

Bei dieser EM hat es Simon in der Vorrunde mit Polen, Nordirland, Italien, Rumänien, der Schweiz und Irland zu tun. Und mit einer Menge Unannehmlichkeiten. In Frankreich wird gestreikt, zehn Prozent der Züge fallen aus. Ihn und seinem Helfer hat es auf der Reiseroute Nizza, Lyon, Paris, Bordeaux zu 100 Prozent getroffen. Kein Zug, den sie gebucht hatten, fuhr. Hinzu kommen die Sicherheitsvorkehrungen.

Wenn Simon an diesem Sonnabend um 15 Uhr Irland gegen Belgien kommentiert, geht es bereits fünf Stunden vor Anpfiff ins Stadion. Mit einem leckeren Essen kann er sich die Zeit nicht vertreiben. Im Land der haute-cuisine hält jedes Stadion das gleiche Tütchen für ihn bereit. Der Inhalt: ein pappiges Sandwich, ein Apfel, ein Eclair, ein Fläschchen Wasser. Immerhin. In Brasilien gab es vor zwei Jahren gar nichts. Steffen Simon nimmt regelmäßig ab bei solchen Großereignissen. Eine „positive Begleiterscheinung“, wie er findet.

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