WARDENBURG 106 Jahre alt ist sie geworden, dann endet ihre Geschichte endgültig: Die Wardenburger Molkerei – erbaut 1889, abgerissen 1995 – nahm Jahrzehnte lang eine Sonderstellung in Wardenburg ein: „Sie war, abgesehen von den kleinen Ziegeleien, der einzige Industriebetrieb“, ordnet Heimatforscher Hans J. Ryszewski ihre geschichtliche Bedeutung ein.

Bereits 1888 war im Großherzogtum Oldenburg eine Molkereigenossenschaft in Wardenburg gegründet worden. Als logische Konsequenz entstand im Zentrum des Ortes, gegenüber Gloysteins Hof, der neue Betrieb. Die Statuten sahen vor, dass sämtliche „entbehrliche“ Milch von den bäuerlichen Betrieben hier abgeliefert wurde. Ein aus fünf Personen bestehender Aufsichtsrat wachte über die Geschäftsentwicklung.

1897 musste die Genossenschaft wegen ungenügender Milchmengen zum ersten Mal schließen. Vier Jahre blieb das Gebäude ungenutzt, dann unternahmen 120 Milcherzeuger am 24. Februar 1901 mit der Gründung einer Genossenschaft einen zweiten Anlauf. Für 27 000 Mark wechselte damals das Gebäude samt Inventar den Besitzer. Der neue Vorstand setzte sich zusammen aus den Landwirten Johann Clausen (Höven), Johann Hoes (Oberlethe), Heinrich Ripken (Oberlethe) und Gastronom Diedrich Fischbeck (Wardenburg).

Zusammen mit den nötigen technischen Modernisierungen investierte die Genossenschaft die für damalige Verhältnisse stolze Summe von 38  000 Mark. Die nächste Krise kam mit dem I. Weltkrieg: Von 1914 bis 1918 ging das Milchvolumen u.a. wegen Futtermittelknappheit stark zurück. Dennoch war der technische Fortschritt nicht aufzuhalten. 1921 wurde eine erste Kühlmaschine, wenn auch gebraucht, gekauft. 1930 folgte eine weitere Modernisierung des Maschinenparks für 40 000 Mark.

Während der Nazi-Zeit wurde der weithin sichtbare, 42 Meter hohe neue Schornstein gebaut. Die Produktion stockte erst im Mai 1945 nach dem Einrücken kanadischer Truppen – allerdings nur kurz. Seit 1971 mussten die Landwirte nicht mehr ihre Milch abliefern, sondern holten in Milchwagen das frische Nahrungsmittel ab. 1978 fällten drei Sprengladungen den 42 Meter hohen Schornstein. 1993 fusioniert die Molkerei Wardenburg mit einem ähnlichen Betrieb in Wilhelmshaven, die Friesland-Milch Wardenburg-Wilhelmshaven entsteht. Am 30. Juni 1995 beschließt der Vorstand: Der Standort Wardenburg wird endgültig geschlossen.

Werner Fademrecht
Hatten
Redaktion Wardenburg

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