Varel Den ganzen Sonntag über frische Brötchen kaufen: Das ist nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Donnerstag ab sofort möglich – sofern der Bäckerei ein Café angeschlossen ist. Ist das ein besonderer Service oder eine überflüssige Dienstleistung?

Das besagt das BGH-Urteil

Bäckereien dürfen nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) auch außerhalb der vorgeschriebenen Öffnungszeiten bedienen – allerdings nur in Filialen, in denen der Thekenverkauf mit einem Café kombiniert ist. Solche Bäckereicafés zählten als Gaststätten, entschieden die Richter in Karlsruhe. Als „zubereitete Speisen“ dürften Brot und Brötchen von früh bis spät abgegeben werden. (Az. I ZR 44/19). Wie lange Bäckereien sonntags ihre Brötchen verkaufen dürfen, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Niedersachsen gelten fünf Stunden.

„Wir finden das Urteil positiv, weil es von den Kunden so gewünscht ist“, sagt Thore Fröllje aus Grabstede. Er betreibt mit seiner Frau Sonja in Bockhorn ein Bäckereicafé sowie weitere Filialen im südlichen Friesland. „Darum haben wir überlegt, statt um 8 Uhr schon um 7 Uhr zu öffnen. Unsere Filiale mit Café in Bockhorn hat schon bis 16 Uhr auf, und wir wollen auch nichts daran ändern.“

Weitere Cafés geplant

Auch für die Filiale in Dangastermoor plant Thore Fröllje zur kommenden Saison neue Öffnungszeiten. Diese hat bisher nur am Vormittag geöffnet. Seine übrigen Filialen verfügen über kein Café. Noch. „Es ist eine Überlegung wert, diese um ein Café zu ergänzen“, sagt Fröllje: „Allerdings muss es von den Kapazitäten her machbar sein.“

Die Nachfrage für Brötchen und frische Backwaren am Sonntag sei indes groß. „Der Sonntag ist unser bester Tag. Wir haben das Gefühl, dass viele Kunden ausgiebig frühstücken, das Mittagessen überspringen und dann abends noch einmal essen“, sagt Thore Fröllje und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Die jungen Leute kommen am Wochenende ja auch nicht immer so früh aus dem Bett.“

Auch Christoph Egerer bezeichnete die BGH-Entscheidung als ein „gutes Urteil“, denn Grauzonen im Verkauf würden damit verschwinden. „Jetzt haben wir Rechtssicherheit“, sagt der Unternehmer, der in Varel und der Friesischen Wehde zahlreiche Backshops mit Café betreibt.

Vor allem am Wochenende mache er mit seinen Filialen „sehr, sehr gute Umsätze“. Aber Egerer sagte auch: „Wir haben sonntags erheblich höhere Personalkosten.“ Denn die Mitarbeiter erhalten dann Lohn-Zuschläge. „Es ist trotzdem wirtschaftlich.“

Kunden mit mehr Zeit

Probleme, Personal für die Schichten am Sonntag zu bekommen, habe man bei Müller-Egerer derweil nicht. Auch weil das Unternehmen sich an die tariflichen Gegebenheiten halte. Zudem sei die Arbeit am Sonntag freiwillig und es gebe Freizeitausgleich.

„Die Kunden nehmen sich sonntags mehr Zeit“, hat Christoph Egerer festgestellt. Das sorge vor und hinter dem Tresen für gute Stimmung. Sonntagszuschläge, wie sie manche Bäckereien für ihre Waren erheben, fordern die Filialen von Müller-Egerer indes nicht.

Die Bäckerei Kappen in Büppel hat dagegen an Sonntagen geschlossen. Und auch ein Café besitzt es nicht. Trotzdem äußerte sich Michael Kappen zu dem Urteil – und sieht es positiv. Allgemein sei der Sonntag „überlebenswichtig“, sagt er: „Gerade sonntags machen sich die Bäckereien besonders bei Familien beliebt, wenn es um das morgendliche Frühstück am Familientisch geht.“

Rückgang in der Woche

Aber nicht nur deshalb sei der Sonntag für viele Bäckereien so wichtig. Denn „das normale Brötchengeschäft ist merkbar zurückgegangen“, hat Michael Kappen festgestellt. Eine totale Freigabe der Öffnungszeiten durch das Urteil sehe er aber skeptisch. „Für zwei oder drei Stunden ist es okay.“ Aber es gebe Bäckereien, die in Supermärkten bis 21 Uhr Brötchen verkaufen. „Das ist Wahnsinn.“

Olaf Ulbrich Redaktionsleitung Varel / Redaktion Friesland
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