Neustadtgödens Nur etwa fünf mal fünf Meter misst das Flachsfeld neben dem Museum im Landrichterhaus in Neustadtgödens. Das wurde im zeitigen Frühjahr angelegt mit Blick auf das Ortsjubiläum und die damit verbundene neue Sonderausstellung im Museum, die sich mit der Leinenweberei in Neustadtgödens beschäftigt. Mit der Pflanze und dem daraus hergestellten Leinenstoff hatte es der Flecken ab dem 16. Jahrhundert zu einem beträchtlichen Wohlstand gebracht.

100 Tage nach der Aussaat wurde das kleine Flachsfeld am Mittwoch abgeerntet – das Leinen wurde gerauft. Bis aus den strohigen Pflanzen die Fasern gewonnen und die zu Leinen weiterverarbeitet werden können, sind aber noch einige mühevolle Arbeitsschritte erforderlich. Ganz zu schweigen davon, das Garn zu einem Stück Stoff zu verarbeiten. „Die Menge, die das kleine Flachsfeld abwirft, dürfte vielleicht für zwei Lappen in Geschirrtuchgröße reichen – viel mehr nicht“, sagt Ralf Hilbers. Der Landwirt aus Zetel kennt sich gut aus mit Flachs und dem daraus gewonnenen Leinen. Er hat zu Hause ein kleines Flachsfeld für den Eigenbedarf und unterstützt das Projekt im Nachbarort Neustadtgödens.

„Dieser Ort ist einst für die Leinenweber entworfen und gebaut worden“, sagt Werner Kleinschmidt. Er gehört zum Museum im Landrichterhaus und lädt Besucher zu Kostümführungen durch den Ort ein. In dieem Jahr ist er in die Rolle des einstigen Fleckenvorstehers Pieter Alberts Swart geschlüpft, ein Mennonit und Leinenreeder, der es zu Ansehen und Wohlstand gebracht hat und im frühen 18. Jahrhundert „Bürgermeister“ von Neustadtgödens war.

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„Die ganzen Grundstücke hinter den Häusern waren früher die Bleichen“, sagt Kleinschmidt. Als Gästeführer hat er sich intensiv mit der Ortsgeschichte befasst. In den Bleichen wurde einst das Rohleinen aufgespannt. Der ursprüngliche graue Stoff wurde feucht gehalten, blich aus und wurde durch die Sonneneinstrahlung strahlend weiß.

In der Hochphase der Leinenproduktion waren die Bleichen in Neustadtgödens zu klein für die Masse von Leinenstoff, der in Neustadtgödens hergestellt wurde. So hat Pieter Alberts Swart große Mengen an Rohleinen an das damalige Welthandelszentrum für Leinen in Amsterdam beziehungsweise Harlem verkauft. In Harlem gab es damals riesige Bleichen.

Weil er dort gut im Geschäft war, hat Pieter Alberts, der ursprünglich Krämer mit Nachnamen hieß, den Nachnamen seiner Mutter, eine geborene Swart, angenommen. „Es gab so viele Kramer und Krämer in Neustadtgödens, dass die Gefahr bestand, dass minderwertiges Leinen geliefert wurde“, sagt Kleinschmidt. Das Risiko wollte er nicht eingehen. Unter dem Namen Pieter Alberts Swart war das von ihm gehandelte hochwertige Leinen aus Neustadtgödens unverwechselbar, das Swart-Leinen ein Qualitätssiegel. „Das Qualitätssiegel für Leinen aus Neustadtgödens kann man heute noch im Nationalmuseum Amsterdam besichtigen“, sagt Kleinschmidt.

Neustadtgödens lebte bis etwa 1740 gut vom Flachs und vom Leinen – bis es als Folge des Baus des Ellenserdamms und preußischer Finanzpolitik bergab ging mit der Leinenweberei.

Ob die kleine Ernte vom Mittwoch an die Qualitätsware aus alten Jahrhunderten heranreicht, muss sich noch zeigen. „Das Wetter bot dafür nicht die besten Voraussetzungen“, sagt Gunda Kleinschmidt, die im Landrichterhaus einen Spinnkreis leitet. Sie wird die Fasern weiterverarbeiten und vielleicht ein Tuch daraus weben.


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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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