Friesland /Lugano /Stuttgart Es ist erst fünf Monate her, da versprach Luigi Coletti in der norditalienischen Kleinstadt Bondeno: „2016 wird es hier nach frischen Kuchen und Croissants duften.“ Nun ist der Ofen aus, bevor er angeheizt werden konnte. Und Luigi Coletti, Manager mit namhaften internationalen Stationen im beruflichen Lebenslauf, wird sich fragen, wie er sich auf das Abenteuer einlassen und sich als Geschäftsführer für das kurz zuvor gegründete Unternehmen Thomas Food Italia anheuern lassen konnte.

Etliche weitere Führungskräfte und Geschäftspartner ließen sich täuschen und wurden für das gigantische Industrieprojekt angeheuert. Einige merkten früh, was gespielt wird, und gingen. Andere wollten es nicht wahrhaben und blieben – in der Hoffnung, dass ausstehende Honorare gezahlt werden.

Nicht nur in Bondeno in der Region Emilia Romagna hoffte man lange auf die Großinvestition. Zwei Jahre lang fragten sich auch die Menschen in Friesland: Was ist dran an der Lebensmittelfabrik, die 2015 im Jade-Weser-Park in Roffhausen in Betrieb gehen sollte? Und die rund 300 bis 400 neue Jobs bringen sollte. In der auf 40 Produktionsstraßen täglich 1000 Tonnen Tiefkühlpizza und -pasta, Kuchen, Torten und Fertiggerichte für die Verbraucher in Norddeutschland, im Ruhrgebiet und den Niederlanden von den Bändern laufen sollten.

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Inzwischen steht wohl fest: Das Vorhaben war von Anfang an ein Luftschloss. Gewaltig aufgeblasen, um sich am Kapitalmarkt zu bedienen und um bei Großbanken an Kredite zu gelangen. Ausgedacht haben soll sich das alles Gianfranco R., ein Italo-Schweizer, der mit ähnlicher Masche schon wiederholt mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.

Geschäftspartner von Gianfranco R. haben sich inzwischen an die Polizei gewandt und Anzeige erstattet. Die ermittelt nun wegen des Verdachts auf Anlage- und Kreditbetrugs und des Vorenthaltens von Arbeitsentgelten. Ermittlungsbehörden sind Polizei und Staatsanwaltschaft in Stuttgart.

Dort ist Gianfranco R. ein „guter Bekannter“. In den 1990er Jahren ging es um Fabriken für Fenster-Profile im badischen Trossingen und um ein paar ergaunerte Milliönchen, später um ein Werk für Lastwagen-Anhänger im italienischen Tocco da Casauria, um rund 280 Millionen Euro und um betrügerischen Bankrott.

Zehn Jahre lang ermittelte die italienische Justiz, hatte am Ende rund 40 Beschuldigte vor Gericht gebracht. Einer der ersten, die damals verhaftet wurden, war Gianfranco R. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft war er der „Anführer und Initiator dieser Gruppe“, der es durch Schein-Unternehmen und komplexe Operationen mit gefälschten Rechnungen gelungen war, sich enorme Finanzmittel zu erschleichen.

Ziel sei gewesen, auf betrügerische Weise Kredite von Banken zu erhalten, so die Überzeugung des Gerichts. Die Gelder seien zugunsten von anderen Gesellschaften der Gruppe und von Komplizen zweckentfremdet verwendet worden.

Nun das ganz große Ding, das seit etwa 2010 eingefädelt wurde: Lebensmittelfabriken. Nicht eine, nicht zwei oder drei. Sondern 41. Verteilt über ganz Europa. Dazu mehr als 80 Warenlager. Das geht aus Unterlagen hervor, die der NWZ  vorliegen. Das ganze Projekt mit einer Zeitschiene von knapp zehn Jahren bis 2023 hätte – wenn es realisiert werden würde – Dimensionen von rund 20 Milliarden Euro gehabt. Mindestens.

Allein in Deutschland sind zwölf Standorte vermerkt, jeder einzelne mit Investitionsvorhaben im zweistelligen bis dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Nach Roffhausen sollten 2018 weitere Lebensmittelfabriken in Würzburg und Bühl an den Start gehen, 2019 Werke in Kiel sowie 2020 in Neustrelitz und 2021 in Straubing. Weitere Standorte sind als Lagerstätten und Verteilzentren vermerkt.

Als Projektentwickler und Ansprechpartner für die Kommunen, in denen investiert werden sollte, trat das Ingenieurbüro Enumplan mit Sitz in Lugano auf. Eine Firma, die an gleicher Adresse logiert wie Gianfranco R. „Die Nummer 1 hinter dem ganzen Vorhaben“, wie ehemalige Mitarbeiter und Vertraute von Gianfranco R. erklärten. Als Kontaktmann zwischen den Kommunen in fast ausnahmslos strukturschwachen Regionen und den Projektbetreibern von Enumplan fungierte Alexander Hartung.

Passiert ist bislang nirgendwo etwas. Und wird es wohl auch nicht mehr. Weder in Roffhausen, noch in Bondeno in Norditalien, wo die Geschichte um die rätselhaften Teigwarenfabriken und ihre unbekannten Auftraggeber 2010 ihren Anfang nahm.

Walter Kulisch vom Gewerbeaufsichtsamt in Oldenburg, Baugenehmigungsbehörde für das Vorhaben in Roffhausen, zuckt mit den Schultern: „Ich habe seit mehr als einem Jahr nichts mehr gehört von den Planern der Pizzafabrik“, sagte er in dieser Woche. In den Amtsstuben aller weiteren Städte auf der Deutschlandkarte der Lebensmittelfabriken und Verteilzentren hat man noch nie etwas gehört von dem Vorhaben. Kontakte habe es nie gegeben.

Dass jemals Tiefkühlpizza und Pasta, Kuchen und Backwaren von den Fertigungsstraßen der riesigen Lebensmittelfabrik laufen sollten, war offenbar von Anfang an nicht geplant. Geplant war dagegen ein Verwirrspiel mit soeben gegründeten oder noch in Gründung befindlichen Firmen und verschachtelten Beteiligungen.

Hintermänner, Geldgeber und eigentliche Auftraggeber der Lebensmittelfabriken waren streng geheim. Nichts sickerte nach draußen. Geplant wurde geradezu konspirativ, Namen blieben der Öffentlichkeit verborgen. Von einer Finanzholding auf Malta war die Rede. Von einer International Group for Food Production (IGFP) mit Sitz in Mülheim an der Ruhr – eine Briefkastenfirma, wie sich später herausstellte.

Bis dahin hatte die geplante Teigwarenfabrik allerhand Spekulationen in der Branche befeuert. NWZ -Recherchen haben inzwischen ergeben, dass offenbar auch der Name Aldi für das Projekt missbraucht wurde. Aldi-Stiftungen tauchten auf Papieren auf, die Managern und Repräsentanten des Vorhabens präsentiert wurden. So sollten offenbar Führungskräfte für das Projekt gewonnen werden.

Aldi dementierte indes früh und vehement: „Von dem Vorgang ist uns nichts bekannt“, erklärte das Unternehmen bereits vor Monaten.

Seit Monaten herrscht nun Funkstille. Zwar lagen alle Baugenehmigungen für Italien vor, doch der Grundstückskauf scheiterte. Enumplan konnte die geforderten sieben Millionen Euro für den Erwerb des Geländes einer ehemaligen Zuckerfabrik nicht auftreiben. Mehrere Geschäftsleute und Juristen aus Deutschland und Italien mit Verbindungen in die Hochfinanz wurden kontaktiert und nahmen letztlich Abstand von Geschäftsbeziehungen.

Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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