Jever Das Fazit des Abends: Als absolutes Minimum ist die zehnfache Nabenhöhe als Abstand zwischen Windkraftanlagen und Wohnhäusern anzusetzen. Nur dann ist Windkraft für die Menschen erträglich. Darüber herrschte Einigkeit auf dem Podium.

Windpark-Planung

Windparkflächen: Drei Potenzialflächen für Windparks gibt es:
Potenzialfläche 1a bis 1f „Cleverns-Nord“ grenzt östlich und südöstlich ans Munitionsdepot an. Die Fläche ist 56,8 Hektar groß, sie bietet Platz für acht bis 13 Windräder.
Potenzialfläche 2a+b „Cleverns-West“ liegt westlich von Cleverns und nördlich von Sandel direkt an der Stadtgrenze. Die Fläche ist 37,0 Hektar groß. Dort ist Platz für fünf bis acht Windräder.
  Potenzialfläche 3a bis 3b „Sandel“ liegt südlich von Sandel direkt an der südwestlichen Stadtgrenze und ist 31,7 Hektar groß. Dort könnten fünf bis acht Windräder gebaut werden.

Das bedeutet: Im Westen Jevers könnten bis zu 28 Windräder von 150 Metern Höhe gebaut werden. Die Windpark Sandelermöns GmbH plant im Südwesten sechs Windräder; die Windpark-Gesellschaft Cleverns-Sandel hatte 2016 angekündigt, in der Clevernser Sietwendung fünf Windräder bauen zu wollen.

Die Potenzialstudie kommt zum Ergebnis, dass mit den bestehenden Windrädern im Stadtbereich der Windkraft bereits substanziell Raum gegeben wurde. Insofern ist eine weitere Entwicklung der Windkraft in Jever zwar möglich, aber nicht rechtlich notwendig.

Abstände: Im Westen (Clevernser Sietwendung) sind 1000 Meter Abstand angesetzt, im Südwesten (Sandel-Sandelermöns-Grappermöns) nur 500 Meter: Begründet wird das mit dem Baugesetzbuch, „wonach im Außenbereich Wohnbebauung nur ausnahmsweise zulässig ist“.

Die Bürgerinitiative „Weitblick Sandelermöns“ ist seit November 2015 aktiv: Sie fordert Mindestabstände von 1000 Metern zwischen geplanten Windrädern und Wohnhäusern – auch im Außenbereich.

Vernunftkraft: Der eingetragene gemeinnützige Verein „Vernunftkraft Niedersachsen“ versteht sich als überparteiliche Initiative. „Wir reden mit allen, die mit uns reden wollen“, betont Vorsitzender Matthias Elsner: Er verweist auf Veranstaltungen zum Beispiel mit CDU, FDP und Grünen.

Mehr Infos unter vernunftkraft-niedersachsen.de

Gut 230 Interessierte nahmen am Dienstag am Infoabend „Jeverland und Windenergie – Aspekte der Energiewende“ von FDP und SWG zusammen mit der Bürgerinitiative „Weitblick Sandelermöns“ und dem Verein „Vernunftkraft“ teil. Sie – darunter der SPD-Stadtverbandsvorsitzende und anfangs sogar zwei Grünen-Ratsleute – hörten von den Referenten geballte Information über die so genannte Energiewende und welche Auswirkungen sie hat.

 Sinnvolle Wende?

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„Vor zehn Jahren hätte ich jedem einen Vogel gezeigt, der die Energiewende kritisiert“: Matthias Elsner, Vorsitzender des Vereins „Vernunftkraft Niedersachsen“, sieht die Energiewende mittlerweile mehr als kritisch. „Wir haben gar keine Energiewende, sondern eine Stromwende“, erklärt er: Denn der Strom mache nur 20 Prozent des gesamten Energiebedarfs Deutschlands aus, den Löwenanteil bilden Wärme- und Mobilitätsenergie.

Zwar sei der Anteil regenerativer Erzeugung an der Stromerzeugung mittlerweile auf 30 Prozent gestiegen – auf den Gesamtenergiebedarf umgerechnet, liege der Anteil indes bei nur 12,6 Prozent. Nur Windenergie betrachtet liegt der Anteil Elsner zufolge bei 2,1 Prozent (2016).

 Wirtschaftlichkeit?

„Wir wollen auch eine Verkehrswende und eine Wärmewende – können Sie sich vorstellen, wie viele Windkraftanlagen wir dazu brauchen? Viel Spaß beim Rechnen“, so Elsner. „Vernunftkraft“ fordert deshalb einen Ausbau „mit Vernunft“: Fest stehe, dass es auf absehbare Zeit keine ausreichenden Trassen- und Speicherkapazitäten für Strom aus regenerativer Produktion gibt. Dass dennoch der Ausbau massiv vorangetrieben wird, bedeute eine wirtschaftliche Schädigung aller Bürgerinnen und Bürger.

 Die Rolle des EEG

Grund dafür ist das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG): Laut Dr. Gero Hocker, FDP-Landtagsabgeordneter und Bundestagskandidat, sorgt es für eine Umverteilung von mehr als 30 Milliarden Euro im Jahr. „Ich neide keinem seine Rendite für unternehmerisches Risiko – da wäre ich auch in der falschen Partei.“ Doch dank der garantierten Stromabnahme aus regenerativer Erzeugung zum Festpreis herrsche beim Ausbau Wildwest-Mentalität und Goldgräberstimmung: „Wir alle bezahlen, dass einige wenige reich werden“, kritisiert Hocker.

Sein Beispiel für die „Fragwürdigkeit“ des EEG: „Das ist, als bietet man seinem Bäcker an, in den nächsten 20 Jahren jedes Brot, jedes Brötchen, jedes Stück Kuchen zum garantierten Festpreis abzunehmen. Der Bäcker wird das kaum fassen können.“

Die FDP fordert deshalb: EEG abschaffen – es setzt falsche Ausbau-Anreize; zugleich Investitionen in Transport und Speicherung von Strom. Aushebeln des Windenergie-Erlasses Niedersachsen und Einführung von Mindestabständen von zehnfacher Anlagenhöhe. Abschaffung der Privilegierung von Windkraft in den Außenbereichen – „das gehört in die Mottenkiste der kommunalen Planungsinstrumente“, so Hocker.

 Immobilienwert?

Hocker widersprach außerdem der auch in Jever immer wieder geäußerten Behauptung, dass Windparks sich nicht negativ auf Immobilienpreise auswirken: „Ich behaupte das Gegenteil: Wer will schon ein Haus kaufen, in dessen Nähe sich Windräder drehen? Immobilien werden dadurch unverkäuflich.“ Besonders ärgerlich sei, dass so die alte Banker-Weisheit, dass die selbst genutzte Immobilie die beste Altersvorsorge sei, ad absurdum geführt werde.

 Schall und Lärm?

Ein Grund dafür ist laut Prof. Dr. Dr. Lothar Meyer, Ingenieur für Werkstoffkunde und Fachbereichsleiter Technik bei „Vernunftkraft“, der Schall, den Windkraftanlagen aussenden. Das Problem: Gemäß veralteter TA Lärm (Technische Anweisung Lärm) werden die Geräuschemissionen von Windrädern mathematisch geglättet. Das bedeutet, es werden nur bestimmte Schallfrequenzen berücksichtigt. „Und ausgerechnet die tiefen Töne, die Windräder aussenden und die besonders weit tragen, werden rechnerisch weggeschliffen“, erklärte er anhand von Messtabellen.

Demnach ist bei 300 Messungen ohne mathematischer Glättung die Hälfte der Anlagen lauter als 45 Dezibel – und damit deutlich lauter als erlaubt. „Die Windanlagen-Hersteller wissen das. Aber sie müssen ja nicht darauf eingehen, weil laut geltender TA Lärm die tiefen Töne nicht berücksichtigt werden“, so Meyer.

Hinzu komme, dass bei den Schallprognosen für Windkraftanlagen die Wetterlage überhaupt nicht berücksichtigt wird. „Und die hat massive Auswirkungen auf die Ausbreitung des Schalls“.

Meyers Forderung: Die schnellstmögliche Überarbeitung der TA – wie seit Jahren immer wieder angelaufen und dann doch verschoben – und die Umstellung der Lärmprognose für Windräder auf reale Frequenzanteile statt mathematisch errechneter.

 Krank durch Schall?

Was der Schall mit Menschen anstellt, erläuterte Dr. Thomas C. Stiller: Er ist Landarzt im Raum Göttingen und hat mit weiteren Ärzten die Initiative „Aefis – Ärzte für Immissionsschutz“ gegründet. „Oft werden Leute von Investoren und Betreibern in Windparks gefahren, um ihnen zu zeigen: Man hört gar nichts“, berichtete er. Und das stimme sogar. „Denn Schall braucht Platz, um sich auszubreiten – und deshalb wirkt er so intensiv.“

Fest stehe, dass zwischen 10 und 30 Prozent der Bevölkerung empfindlich auf tiefen Schall – Infraschall – reagieren. „Zum Vergleich: An Diabetes erkranken 7 Prozent der Bevölkerung – und das nennen wir Volkskrankheit.“ Schall ist Druck und wirkt damit auf den gesamten Körper, erklärte Stiller: Gehör- und Gleichgewichtsorgan, Gehirn und Organe reagieren nachweislich auf Schall.

„Die meisten Patienten klagen über Schlafstörungen – und gestörter Schlaf ist gestörte Gesundheit.“ Je länger die Menschen dem Schall ausgesetzt sind, desto mehr werden ihre Beschwerden. „Das sind keine Simulanten“, betonte Stiller.

Er listete Infraschall in einer Reihe mit Radioaktivität, UV-Strahlung und Kohlenmonoxid auf: „Wahrnehmbar sind sie alle nicht, aber ihre Wirkung ist deutlich zu spüren“, sagte der Mediziner.

Und er erläuterte, dass es sehr wohl bereits aussagekräftige Studien zu Infraschall und Gesundheit gibt – das wird von Windkraftbefürwortern und -Betreibern immer wieder bestritten, auch in Jever. „Das Problem ist, dass es noch keine Zusammenfassung und Zuspitzung der Ergebnisse der weltweiten Studien gibt“, erklärte Stiller.

Melanie Hanz Agentur Hanz / Redaktion Jever
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