Cäciliengroden Wenn die beiden Jungen geahnt hätten, dass sie nicht pünktlich zum Abendessen zurück sein würden, dann hätten sich Dieter Theilen und Peter Frerichs Schal und Mütze, lange Un­terhosen, Handschuhe und dicke Jacken angezogen.

„Zieht Euch doch etwas Wärmeres an, ihr holt Euch sonst den Tod“, rief die Mutter ihnen noch hinterher, doch da waren die beiden Freunde und Cousins schon zur Tür hinaus. Nur mal kurz hinters Haus, spielen im Schnee und rodeln am Deich. Doch die 12- und 13-jährigen Jungen kehrten nicht zum Abendbrot zurück. Sie waren auch am anderen Morgen nicht zum Frühstück zu Hause.

Wattenmeer zugefroren

Dass der Abend und die Nacht für die beiden Jungen aus Cäciliengroden zu Stunden zwischen Leben und Tod werden würden, das ahnten sie nicht, als sie an jenem eiskalten Wintertag nur wenige hundert Meter hinter dem Elternhaus spielten. Wochenlanger Frost hatte Felder und Seen mit einem Eispanzer überzogen. Sogar die Jade war zugefroren. Weit draußen im Wattenmeer beim alten Leuchtturm türmten sich dicke Eisschollen zu einem Eisberg auf. „Da wollten wir hin“, sagt Dieter Theilen.

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So machten sich die beiden besten Freunde auf den Weg durch die hartgefrorenen Salzwiesen, weit hinaus auf das Jade-Eis. Der eine nur in dünner Jacke, der andere im Rollkragenpullover. Dann knackte unter ihren Füßen das Eis. . .

Wenn Dieter Theilen und Peter Frerichs, heute 62 und 63 Jahre alt, an die Nacht vom 30. auf den 31. Januar 1963 zurückdenken, dann bekommen die beiden noch immer Gänsehaut. „Eigentlich können wir nächsten Donnerstag unseren 50. Geburtstag feiern“, sagt Peter Frerichs, der wie sein Cousin wieder in Cäciliengroden wohnt. Ihre unheimliche Nacht bei Temperaturen von bis zu minus 15 Grad auf einer Eisscholle im Wattenmeer machte bundesweit Schlagzeilen.

17 Stunden lang harrten die beiden Jungen bei klirrender Kälte aus, bis gegen 10 Uhr am Morgen Rettung aus der Luft nahte und ein Hubschrauber die beinahe steifgefrorenen Abenteurer vom Eis holte.

Am Nachmittag zuvor hatte das auflaufende Wasser die Eisschollen in der Jade zusammengeschoben. Unbemerkt von den anderen Kindern am Deich machten sich Dieter und Peter auf den lebensgefährlichen Weg über das Wasser, den Eisberg als Ziel vor Augen. „Wir glaubten ja, wir haben festen Boden unter den Füßen“, sagt Frerichs und deutet mit seinen Händen die Dicke der Eisschollen an. Doch die eisigen Platten kamen gefährlich in Bewegung, als das Wasser ablief. Die Scholle schwankte. „Und dann bin ich ins Wasser gefallen“, sagt Dieter Theilen.

Bis zur Hüfte rutschte der 13-Jährige ins eiskalte Wattenmeer. Panisch vor Angst suchte er Halt, Peter packte ihn bei den Armen und musste aufpassen, selbst nicht ins Wasser zu fallen, zog seinen Cousin zu sich auf die tischplattengroße Eisscholle. Dieter und Peter riefen um Hilfe. Doch niemand hörte, niemand sah die Jungen. Dafür sahen sie, wie in unerreichbarer Ferne Scheinwerfer die Umgebung am Deich absuchten. Längst war es dunkel, Nebel breitete sich über das Wasser aus. Im Dorf wurden die Jungen vermisst, niemand hatte sie seit dem Nachmittag mehr gesehen.

„Dann haben wir angefangen zu heulen“, sagt Dieter Theilen. „Aus Wut und aus Verzweiflung.“ Und weil die unerbittliche Kälte immer tiefer in die Knochen kroch.

Frierend, in gefrorenen Hosen und völlig orientierungslos hockten die beiden auf der Eisscholle, die erst Richtung Ölhafen und mit ablaufendem Wasser allmählich aufs Meer hinaustrieb. „Wir hatten nur eine Jacke dabei“, sagt Peter Frerichs. Die zogen sie gemeinsam an: Einer schlüpfte in den linken, der andere in den rechten Ärmel. Auch die Mütze wurde geteilt.

„Ich habe im Watt einen dieser Pflöcke zu fassen bekommen, die zu einem Zaun gehörten, mit denen damals dem Watt noch Land abgetrotzt wurde“, sagt Dieter Theilen. Das Treibholz nutzten sie als Sitzgelegenheit. „Sonst wären wir wohl auch noch mit unseren Hintern auf der Scholle festgefroren.“

Rettung aus der Luft

Stunde um Stunde verging. Wenn einer heulte, dann sprach ihm der andere Mut zu. „Irgendwie ist es uns gelungen, uns die ganze Nacht gegenseitig wachzuhalten und in Bewegung zu bleiben – sonst wären wir sicher erfroren“, sagt Peter Frerichs.

Der heute 62-Jährige hat später rund 40 Jahre lang bei der Bahn im Gleisbau gearbeitet, sein Cousin Dieter lernte Lebensmittelkaufmann, ar­beitete später als Tiefbauer. Die beiden Cousins wohnen mit ihren Familien wieder im selben Ort, sehen sich heute nur gelegentlich. „Man hat ja so viel anderes zu tun.“

Peter und Dieter hatten mit dem Leben beinahe abgeschlossen, als über ihnen ein in Upjever stationierter SAR-Hubschrauber auftauchte – und wieder abdrehte. „Der hat uns nicht gesehen“, dachten die Kinder. Tatsächlich wurde der Hubschrauber mit einer Rettungsvorrichtung ausgerüstet und kehrte bald darauf zurück. Mit einem simplen Rettungsring wurden die Jungen an Bord geholt und nach Mariensiel geflogen. Von dort ging es ins Krankenhaus, wo die Eltern ihre Jungen nach einer Nacht voller Angst erleichtert in die Arme schlossen. Nach ein paar Tagen durfte Peter nach Hause, er hatte die Nacht im Eis ohne bleibende Schäden überstanden. Dieter aber blieb einige Wochen in der Klinik, er trug von der Kälte Diabetes davon.

Beide schworen sich, nie wieder eine Eisfläche zu betreten. Und auch ohne dicke Winterkleidung gehen sie in diesen Tagen nicht vor die Tür.


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Oliver Braun Agentur Hanz / Redaktion Jever
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