VAREL Im Herbst des Jahres 1941 begannen die systematischen Massendeportationen deutscher Juden in die Ghettos und später auch in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten „im Osten“. Zu den knapp 20 000 jüdischen Opfern, die in 20 Transporten nach Litzmannstadt verschleppt wurden, zählten auch sechs jüdische Bürger, die in Varel lebten: Am 22. Oktober 1941 wurden von der Staatspolizeileitstelle Wilhelmshaven sechs Bewohner des jüdischen Altenheimes in Varel in das Ghetto Litzmannstadt verschleppt. Von ihnen starben fünf bis zum April 1942 an den als „indirekte Vernichtung“ anzusehenden Lebensbedingungen im Ghetto, eine Frau wurde dann im Mai 1942 im nahe gelegenen Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) im Gaswagen ermordet.

Das jüdische Altenheim in Varel, Schüttingstraße 13 bestand seit Herbst 1937 und befand sich seit 1911 im Besitz der siebenköpfigen Familie Weinberg.

Nach Beginn der NS-Herrschaft im Jahre 1933 musste Ernst Weinberg durch die Boykottmaßnahmen der Nazis sein Gewerbe aufgeben und richtete daher im Haus Schüttingstraße 13 unter schwierigen Begleitumständen ein Heim für kranke und pflegebedürftige Menschen jüdischen Glaubens ein. Leiter und Betreiber des Heimes waren zunächst Ernst Weinberg und seine ebenfalls noch in Varel lebende ledige Schwester Jette Weinberg.

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Im Oktober 1937 zog die erste Bewohnerin des Heimes ein. Zur Zeit der „Reichspogromnacht“ im November 1938 (Zerstörung der Synagoge in Varel) lebten in der Schüttingstraße 13 insgesamt acht Personen, die allesamt von Angehörigen der Vareler NS-Organisationen „aufgeholt“ und vorübergehend im Polizeigefängnis Varel in „Schutzhaft“ genommen wurden. Im Oktober 1941 waren es immer noch acht Bewohner im jüdischen Siechen- und Altenheim, von denen nun sechs auf die Deportationsliste nach Litzmannstadt gesetzt wurden: Die Geschwister Ernst und Jette Weinberg als Besitzer und Betreiber des Altenheimes, sowie ihre Schützlinge Mathilde Eichhold (ledig, gebürtig aus Rockenhausen), Bertha Gröschler (ledig, gebürtig aus Jever), Geschwister Hermann Schulenklopper (ledig) und Sophie Gerson, verwitwet, geborene Schulenklopper (beide gebürtig aus Norden/Ostfriesland).

Ein von der Gestapo Wilhelmshaven bereitgestellter Bus brachte die sechs Opfer aus Varel zunächst am Donnerstag, 22. Oktober 1941, zum jüdischen Altenheim nach Emden, wo bereits weitere 116 jüdische Männer und Frauen aus Ostfriesland auf ihren Abtransport warteten.

Beteiligt an der regionalen Vorbereitung und Überwachung des gesamten Deportationsgeschehens waren Beamte der Gestapo Wilhelmshaven, der Ordnungspolizei in Varel und Emden, der Finanzverwaltung (Finanzamt), Gerichtsvollzieher, Beamte der entsprechenden Reichsbahndienststellen sowie von Dienststellen der Stadtverwaltungen in Emden und Varel. Der Abtransport aus Varel blieb übrigens auch in der hiesigen Bevölkerung nicht unbemerkt, wie durch spätere Zeugenaussagen in den „Wiedergutmachungsverfahren“ nach dem Kriege belegt ist.

Die Opfer mussten eine Nacht in Emden verbringen, vom dortigen Bahnhof ging es dann für die nun 122 Personen am 23. Oktober 1941 weiter in die Reichshauptstadt Berlin. Hier hatte die Gestapo die ehemalige Berliner Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 im Stadtteil Tiergarten als weitere Sammelstelle eingerichtet, wo bereits einige Tage zuvor ein erster Berliner Transport nach Litzmannstadt abgefahren war nun noch einmal knapp über 1000 jüdische Bürger auf den zweiten Berliner Transport nach Litzmannstadt warteten. Dieser Transport, er ist unter der Bezeichnung „Berlin II + Emden“ bekannt, verließ am 24. Oktober 1941 den Bahnhof Berlin-Grunewald und erreichte am folgenden Tag u.a. mit den sechs Varelern den Bahnhof Radegast am Rande des Ghettos Litzmannstadt.

Das hermetisch abgeriegelte Ghetto Litzmannstadt war von den Deutschen bereits im Februar 1940 für polnische Juden eingerichtet worden und im Herbst 1941 schon vor dem Eintreffen der Transporte aus dem Reichsgebiet mit über 160 000 Bewohnern bereits völlig überfüllt.

Es herrschte drangvolle Enge in den heruntergekommenen Gebäuden, die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, die zugestandenen Lebensmittel reichten kaum zum Überleben und es grassierten Mangelkrankheiten und Epidemien.

Insbesondere für die sogenannten „Westjuden“ waren die dortigen Verhältnisse ein Schock und eine tödliche Bedrohung und bald überstieg ihre Sterberate bei weitem die Zahlen der übrigen Ghettobewohner. Die im Herbst 1941 neu hinzukommenden deutschen Juden wurden zunächst in „Sammelunterkünfte“ gepfercht, die sechs Vareler kamen hierbei mit den übrigen Opfern aus dem Emdener Transport in ein Gebäude in der Hertastr. 25. Dort starb Jette Weinberg als erste Deportierte aus Varel am 17. November 1941 im Alter von 45 Jahren.

Im Dezember 1941 wurden die noch verbliebenen fünf Vareler in ein neu geschaffenes „Greisenheim II“ in der Gnesener Str. 26 verlegt, wo bis Mitte April 1942 weitere vier von ihnen den unsäglichen Lebensbedingungen im Ghetto zum Opfer fielen: Am 30. Januar 1942 starb Hermann Schulenklopper im Alter von 51 Jahren, am 27. März 1942 Ernst Weinberg im Alter von 42 Jahren, am 29. März 1942 Bertha Gröschler im Alter von 51 Jahren, am 16. April 1942 Sophie Gerson im Alter von 48 Jahren. Die bis zum Frühjahr 1942 einzige Überlebende aus der Gruppe der sechs Vareler, Mathilde Eichhold, geriet am 4. Mai 1942 in den ersten „Aussiedlungstransport“ reichsdeutscher Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt in das nahe gelegene Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof). Dort waren schon seit Ende 1941 zunächst Bewohner der umliegenden jüdischen Gemeinden, dann polnische Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt in Gaswagen ermordet worden. Das dort eingesetzte SS-Sonderkommando hatte mit dieser Tötungsmethode bereits Erfahrungen im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Krankenmorde der Nazis sammeln können.

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