Varel /Friesische Wehde Seit Wochen kein Regen, dafür Temperaturen über 30 Grad Celsius – ein Jahrhundertsommer, der so ungewöhnlich allerdings nicht ist. Schon vor 150 Jahren bereitete eine große Dürre der Bevölkerung Sorgen, wie „Der Gemeinnützige“ im Juli 1868 berichtete: „Unsere Wassersnoth nimmt immer größere Dimensionen an und Dank dem Himmel, daß wir täglich von Varel aus einige Zufuhr haben, wir müßten sonst verschmachten. Die anhaltend große Dürre läßt hier leider einen solchen Wassermangel fühlbar werden, daß der Eimer einigermaßen genießbaren Trinkwassers mit 1 1/2 bis 2 Silbergroschen bezahlt werden muß; nehme man hierzu die ausgetrockneten Felder, wo fast Alles verbrennt, die Weiden, wo das Vieh verdürstet, hierzu den Umstand, daß unser Trinkwasser an und für sich zum größten Theil der Regen bringen muß, so kann man sich denken, mit welcher Sehnsucht einem solchen hier entgegengesehen wird.“

Einen „Jahrhundertsommer“ gab es auch im Nachkriegsjahr 1947 – mit Hitze bereits im Frühjahr. Berichtete die Zeitung damals über Sportveranstaltungen „bei sommerlichen Temperaturen“, musste sie ebenfalls im Mai des Jahres auch ein Massenviehsterben beklagen: Viele Tiere sind durch den Mangel an Heu und Kraftfutter derart heruntergekommen, daß auch das Weidefutter den Zerfall nicht aufhält, zumal die für Ostfriesland ungewöhnliche sommerliche Hitze im Frühling und die langanhaltende Trockenheit den Graswuchs ungünstig beeinflußt hat. Allein einem Notschlachtungsbetrieb auf dem Viehhof in Leer werden wöchentlich 20 bis 30 Stück Vieh zur beschleunigten Abschlachtunq zugeführt.“

Und auch 1959 lag eine Hitzeglocke mit Temperaturen von bis zu 36 Grad über Deutschland: „Hitze bricht alle Rekorde“ titelte die NWZ am 10. Juli und berichtete von überfüllten Freibädern und parkenden Autos, die zu Backöfen wurden. Der Fahrer eines Funkstreifenwagens in Ostwestfalen meldete über Funk, dass er seinen Hörer wegen der Hitze nicht mehr anfassen konnte. In Spohle indes tobte ein Gewitter, bei dem „ein Meer von Wasser“ herabstürzte und eine Viertelstunde lang „Hagelkörner so groß wie Taubeneier herunterprasselten“. „Das schlimmste Unwetter seit mehr als 50 Jahren“, kommentierte ein Augenzeuge.

Bereits im Mai 1959 war das Technische Hilfswerk in Alarmbereitschaft, um im Ernstfall die Feuerwehren zu unterstützen: „Infolge der großen Trockenheit besteht erhöhte Waldbrandgefahr. Da die freiwilligen Feuerwehren nicht in der Lage sind, größere Waldbrände allein zu bekämpfen, müssen auch alle anderen Hilfskräfte herangezogen werden“, meldete das THW, dass alle Helfer aufrief, „sich möglichst schnell in der THW-Unterkunft im Hansa-Gebäude zu sammeln“.

Wie sehr sich die Trockenheit auf die Landwirtschaft auswirkte, stand am 3. Juni 1959 im „Gemeinnützigen“: „Die leichten Sandböden dorren weiter aus, die Regenzisternen zeigen ihre zementenen Böden, viele Wasserläufe und Bäken sind ausgetrocknet. Pflanzen und Blumen halten sich stellenweise nur noch mit letzten Kräften am Leben oder sind bereits den Durstestod gestorben.“ Erst am 7. Juni fiel Regen, der aber auf den ausgedörrten Böden „längst nicht alle Sorgen beseitigt hat; die Landwirtschaft verzeichnet einen Wachstumsstillstand, wie er seit vielen Jahren nicht mehr beobachtet worden ist.“ Auf Viehweiden wuchs das Gras nicht mehr nach, einige Betriebe mussten sich bereits mit Viehverkauf abfinden: „Das Wetter ist jetzt ein existenzbedrohender Faktor geworden“, schrieb Chronist Willy Hinck damals.

Der schlimmste Sommer liegt noch gar nicht so lange zurück, nämlich erst 15 Jahre. Europaweit forderte die Hitzewelle im August 2003 Zehntausende Tote. Von der Naturkatastrophe am stärksten betroffen war Frankreich, doch auch in der hiesigen Region machte der Sommer nahezu täglich Schlagzeilen. Während die Landwirtschaft – wie aktuell in diesem Jahr – schwere Verluste befürchtete, brachte der „tropische Sommer“ dem Dangaster Quellbad Rekordbesuche. Bis zum 12. August waren mehr als 138 000 Eintrittskarten gelöst worden, fast 19 000 mehr als im Jahr zuvor. Allein am 10. August 2003, einem Sonntag, kamen 3052 Besucher. In Brandenburg indes wüteten Waldbrände in Wäldern und auf der Heide und an der Ostsee wurde ein Massensterben bei Meerestieren befürchtet.

Große Probleme hatten auch kleine Unternehmen – wie der Familienzirkus Kübler, der damals durch Friesland und das Ammerland tingelte. Besucher blieben aus, die Akteure wussten nicht mehr, wovon sie das Futter für ihre Tiere kaufen sollten.


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