Varel /Stockholm Am 24. Februar, eine Woche nach ihrem 99. Geburtstag, verstarb Ruth Wächter, geborene Visser. Sie lebte zuletzt in einem Altenheim in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Sie war die letzte noch lebende Bürgerin aus der von den Nationalsozialisten vernichteten jüdischen Gemeinde in Varel.

Geboren wurde Ruth Visser am 16. Februar 1921 als Tochter des aus Leer stammenden Kaufmannes Eduard Visser und dessen in Dornum geborener Ehefrau Käthe, geborene Rose. Ihr Vater hatte zunächst beim Kaufmann Gustav Schwabe-Barlewin in der Haferkampstraße 10 als Angestellter gearbeitet und sich 1921 mit einem Textilgroßhandel selbständig gemacht.

Zur Familie Visser gehörte noch die 1923 geborene Tochter Ingeborg. Die Familie bewohnte ein Haus in der Oldenburger Straße 39. Das Geschäft von Eduard Visser befand sich in der Neumühlenstraße 12.

Einwilligung und Werberichtlinie

Ja, ich möchte den täglichen NWZonline-Newsletter erhalten. Meine E-Mailadresse wird ausschließlich für den Versand des Newsletters verwendet. Ich kann diese Einwilligung jederzeit widerrufen, indem ich mich vom Newsletter abmelde (Hinweise zur Abmeldung sind in jeder E-Mail enthalten). Nähere Informationen zur Verarbeitung meiner Daten finde ich in der Datenschutzerklärung, die ich zur Kenntnis genommen habe.

Ruth Visser besuchte die Schule in Varel und von 1935 bis 1937 eine Höhere Schule in Hamburg. Es folgte ein Aufenthalt in einem Internat in Frankfurt am Main. Dort erlebte sie auch die Pogromnacht vom November 1938. Danach kehrte sie nach Varel zurück, um den Eltern zur Seite zu stehen.

Ihr Vater war zeitweise von den Nationalsozialisten ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt worden.

Ruth entschied sich angesichts der Judenverfolgung, Deutschland zu verlassen und konnte am 1. Juli 1939 nach Dänemark emigrieren. Ihre Eltern und die Schwester musste sie in Nazi-Deutschland zurücklassen.

Ruth gehörte der „Hechaluz“ an, einer zionistisch-sozialistischen Organisation, die für Jugendliche die Emigration aus dem deutschen Machtbereich organisierte.

Die „Hechaluz“ bereitete junge Jüdinnen und Juden auf die Einreise nach Palästina und den Aufbau eines jüdischen Gemeinwesens vor. In Ausbildungszentren (Hachscharot) vermittelte die Organisation praktische Kenntnisse z.B. im Bereich Landwirtschaft und Gartenbau.

Ruth Visser erhielt zunächst für ein halbes Jahr in Dänemark eine Aufenthaltsgenehmigung, kurz nach ihrer Ankunft begann aber der Zweite Weltkrieg und sie blieb in Dänemark. Sie arbeitete dort ohne Lohn als landwirtschaftliche Hilfskraft. Ruth Visser heiratete einen jungen Mann, der sich in der gleichen Situation befand. Das Paar trennte sich, als Ruth 1943 Dänemark verlassen musste.

Ab 1943 in Schweden

Ruth flüchtete im Oktober 1943 weiter nach Schweden, als die deutsche Besatzungspolitik in Dänemark verschärft und auch von dort die Deportation und Verschleppung der Juden geplant wurde.

1945 heiratete sie in Schweden Walter Wächter (1913-1983), aus dieser später geschiedenen Ehe stammt ein Sohn. Ruth behielt den Familiennamen Wächter.

In den vierziger und fünfziger Jahren holte Ruth Wächter in Schweden ihr Abitur nach und studierte Sozialarbeit. Sie arbeitete zunächst in Stockholm in der Kinderbetreuung, später in leitender administrativer Funktion in der Stockholmer Sozialverwaltung. Zuletzt war sie Leiterin des Büros für Forschung und Entwicklungsarbeit im Sozialbereich.

Ruth Wächter hatte seit 1950 einen großen Einfluss auf die schwedische Sozialforschung. Nach ihrer Pensionierung war sie Präsidentin einer schwedischen Gesellschaft für Forschung in der Sozialen Arbeit. Im Jahre 2005 verlieh ihr die Universität Lund, sie war 84 Jahre alt, den Ehrendoktor-Titel.

Einzige Überlebende

Die Eltern von Ruth mussten im Frühjahr 1940 auf Druck der Gestapo aus Varel nach Berlin umziehen. Ihr Vater Eduard Visser hatte dort trotz angegriffener Gesundheit Zwangsarbeit leisten müssen und starb bereits am 1. Januar 1941. Ihre Mutter Käthe deportierte die Gestapo Berlin am 12. Januar 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Das gleiche Schicksal erlitt die Schwester Ingeborg, die mit ihrem Ehemann David Friedmann und dem fünf Monate alten Sohn Denny am 3. Februar 1943 mit einem Todestransport nach Auschwitz verschleppt und nach Ankunft in den Gaskammern ermordet wurde.

NWZ-Trauer.de
Trauerfälle aus der Region sowie Ratgeberartikel zum Thema Trauer.

Meine Themen: Verpassen Sie keine für Sie wichtige Meldung mehr!

So erstellen Sie sich Ihre persönliche Nachrichtenseite:

  1. Registrieren Sie sich auf NWZonline bzw. melden Sie sich an, wenn Sie schon einen Zugang haben.
  2. Unter jedem Artikel finden Sie ausgewählte Themen, denen Sie folgen können.
  3. Per Klick aktivieren Sie ein Thema, die Auswahl färbt sich blau. Sie können es jederzeit auch wieder per Klick deaktivieren.
  4. Nun finden Sie auf Ihrer persönlichen Übersichtsseite alle passenden Artikel zu Ihrer Auswahl.

Ihre Meinung über 

Hinweis: Unsere Kommentarfunktion nutzt das Plug-In „DISQUS“ vom Betreiber DISQUS Inc., 717 Market St., San Francisco, CA 94103, USA, die für die Verarbeitung der Kommentare verantwortlich sind. Wir greifen nur bei Nutzerbeschwerden über Verstöße der Netiquette in den Dialog ein, können aber keine personenbezogenen Informationen des Nutzers einsehen oder verarbeiten.