Varel /Friesische Wehde Der Anschlag eines mutmaßlichen Rechtsextremisten am Mittwoch auf eine Synagoge in Halle/Saale, bei dem zwei Menschen erschossen worden waren, sorgte auch in Varel und der Friesischen Wehde für Bestürzung. „Der Anschlag in Halle reiht sich ein in eine lange Kette antisemitischer Anschläge in Deutschland“, sagt Holger Frerichs.

Der Vareler hat viel zur Geschichte der Juden in der Stadt geforscht und mehrere Bücher dazu veröffentlicht. Zudem ist er Mitglied des Arbeitskreises Juden in Varel, der das Andenken an die durch die Nationalsozialisten vertriebenen und ermordeten jüdischen Familien wach hält.

Gedenkveranstaltungen in Varel

Am 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht von 1938, wird am Synagogen-Mahnmal an der Osterstraße in Varel der von den Nazis ermordeten Juden gedacht. Auch in Varel zerstörten die Nationalsozialisten die Synagoge und verhafteten die jüdischen Mitbürger der Stadt. Zuvor findet ein historischer Stadtrundgang „Varel zur NS-Zeit – Stätten von Opfern und Tätern“ gegen das Vergessen mit Karl-Heinz Martinß statt. Treffpunkt ist um 15 Uhr an der Osterstraße 10.

Am 10. November lädt die Gästeführerin Helga von Essen zu einem Rundgang „Bet Olam – ewiges Haus in Varel“ über den jüdischen Friedhof in Hohenberge ein. Beginn ist um 11 Uhr.

Die Behörden gehen davon aus, dass die Angriffe das Werk eines Einzeltäters sind. Dennoch existiert deutschlandweit ein Netzwerk rechter Gruppierungen, ist sich Holger Frerichs sicher. „Ideologisch reicht das sogar bis in die Parteien, die im Bundestag vertreten sind.“ Von rechtsradikaler und antisemitischer Gewalt sei Varel in den vergangenen Jahren aber „verhältnismäßig verschont geblieben“, hat er festgestellt.

Das bestätigte am Donnerstag auch die Polizei. „Weder in Varel noch in der Friesischen Wehde gibt es rechtsextremistische oder -radikale Gruppen“, teilte Sprecherin Andrea Papenroth mit: „Auch im Jahr 2018 und bis dato sind keine herausragenden rechtsmotivierten Straftaten bekannt geworden.“ Schon seit Jahren liege die Zahl rechtsmotivierter Straftaten „entgegen des Bundestrends auf einem sehr niedrigen Niveau“. So verzeichnete die Polizeiinspektion Friesland/Wilhelmshaven 2017 insgesamt 29 solcher Delikte, 2018 stieg diese Zahl leicht auf 35.

In Varel erinnert vor allem der jüdische Friedhof in Hohenberge an die einst blühende jüdische Gemeinde. Zudem gibt es an vielen Orten und Gebäuden der Stadt Gedenktafeln, die an Familien erinnern, die vor den Nazis geflohen oder von ihnen verschleppt und ermordet wurden. Doch sie seien bislang unbeschädigt geblieben, sagt Holger Frerichs, während in einige Tafeln in Jever Hakenkreuze geritzt worden seien.

Hinweise auf eine Gefährdung der jüdischen Einrichtungen liegen der Polizei derzeit nicht vor, teilte Andrea Papenroth mit: „Dennoch wurden die Sicherheitsmaßnahmen im Zuständigkeitsbereich der Polizeidirektion Oldenburg vorsorglich erhöht.“

Ende 2018 sorgten Hakenkreuz-Schmierereien in Varel zuletzt für Schlagzeilen. Die Täter hatten sie an verschiedene Wände in der Innenstadt und ein Fenster eines Grillhauses an der Neuen Straße gesprüht. Der Staatsschutz ermittelte. Die Polizei fasste die Täter im Alter von 17 und 18 Jahren nach einer Tat in Bockhorn. Ein rechtsradikaler Hintergrund lag nicht vor.

Ganz im Gegensatz zur Schändung des jüdischen Friedhofs in Hohenberge am 13. Oktober 1994. Diesen Vorfall dokumentierte Holger Frerichs in einem Buch, das demnächst erscheint. Damals hatten unbekannte Täter acht Grabsteine umgeworfen, aus ihren Verankerungen gehoben oder ausgegraben. Zudem rissen sie neun gemauerte Grabumrandungen von den Fundamenten.

Vor 25 Jahren gab es eine Mahnwache am jüdischen Friedhof, der 1711 erstmals erwähnt wurde und bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts der einzige jüdische Begräbnisplatz im Oldenburger Land gewesen war. In Varel ist nach den Anschlägen auf die Synagoge in Halle aktuell keine Gedenkveranstaltung geplant.

Olaf Ulbrich Redaktionsleitung Varel / Redaktion Friesland
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