Varel Die „Navemar“ verließ Sevilla am 6. August 1941 mit über 1000 jüdischen Flüchtlingen an Bord. Über Cadiz in Spanien und die portugiesischen Hauptstadt Lissabon führte der Weg via Bermudas weiter nach Havanna/Kuba. Das Flüchtlingsschiff erreichte schließlich nach knapp siebenwöchiger Fahrt am 12. September 1941 den Hafen von New York. An Bord war damals auch das Ehepaar Rosi und Leo Neumann aus Varel. Für sie war es die letzte Gelegenheit, sich vor den Nationalsozialisten in Sicherheit zu bringen. Die Reise wurde für sie zur Odyssee.

Viele der Passagiere auf dem völlig überbelegten Schiff litten während der abenteuerlichen Überfahrt unter Hunger und Krankheiten, insbesondere Typhus. Sechs starben an Bord, ein weiterer Passagier nach der Ankunft in New York. Die Flüchtlinge hatten dem Schiff den Namen „Nevermore“ (deutsch: niemals mehr) gegeben. Auch die internationale Presse berichtete über die Zustände und die Fahrt auf dem als „Höllenschiff“ bezeichneten Frachter.

Der Kaufmannssohn Leo Neumann wurde 1882 im westpreußischen Löbau im heutigen Polen geboren. Er kam im Herbst 1911 nach Varel und war als Angestellter im Kaufhaus der jüdischen Familie Lewin an der Drostenstraße 2 beschäftigt. Im März 1912 übernahm er das Geschäft seines Arbeitgebers. Zunächst bot er Kleidung sowie Schuhwaren an, später nur Schuhe. Im gleichen Jahr heiratete er die 1884 in Mannheim geborene Rosi Marx. Eine Tochter verstarb kurz nach der Geburt, die Ehe sollte ansonsten kinderlos bleiben.

Nach der Rückkehr von Leo Neumann aus dem Ersten Weltkrieg (1914–18) entwickelte sich sein Schuhhaus zu einem florierenden Unternehmen. Kundenfreundliche Angebote ließen das Geschäft vor allem für Menschen mit geringerem Einkommen zu einem beliebten Einkaufsort in Varel werden.

Ab 1933 geriet das Ehepaar Neumann wie alle Vareler Juden ins Visier der Nationalsozialisten. Das Geschäft litt zunehmend unter den Boykottmaßnahmen. Am Morgen des 10. November 1938 brannte in Varel die Synagoge an der Osterstraße. Beim Wohn- und Geschäftshaus Neumann warfen in Zivil agierende Angehörige der SA (Schutzabteilung, die paramilitärische Kampforganisation der Nazi-Partei NSDAP) die Fensterscheiben ein. Die Auslagen wurden geplündert oder auf die Straße geworfen.

Die Täter holten die Neumanns mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung und brachten sie ins Vareler Polizeigefängnis. Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) verschleppte Leo Neumann tags darauf über Oldenburg ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Am 15. Dezember 1938 wurde er aus der Haft wieder entlassen und konnte zu seiner Ehefrau nach Varel zurückkehren. Anfang 1939 musste Neumann zwangsweise sein Unternehmen schließen und die Immobilie an der Drostenstraße an einen Vareler Rechtsanwalt verkaufen. Sein Vermögen sperrte die Finanzverwaltung. Das Ehepaar verließ seine langjährige Heimatstadt Varel, wohnte einige Monate in Oldenburg und zog dann im März 1940 nach Berlin. Zuletzt lebte das Paar dort im Ortsteil Weißensee.

Im August/September 1941, kurz vor dem Ausreiseverbot für Juden und dem Beginn der Deportationen in die Ghettos und Lager „im Osten“, gelang ihnen die Flucht in die USA. Ein dort lebender Verwandter von Rosi Neumann hatte für die Bürgschaft gesorgt, die für ein Visum beziehungsweise die Einreisegenehmigung in die USA erforderlich war.

Von Berlin reiste das Paar per Bahn über Frankreich nach Spanien. Dort wartete ein von einer amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation gechartertes Schiff mit dem Namen „Navemar“. Es handelte sich um ein Handelsschiff, das normalerweise nur für 28 Mann Besatzung ausgelegt war. Die Kojen wurden in den schmutzigen Frachträumen eingerichtet. Für eine Reinigung des Schiffes reichte die Zeit nicht. Auch das Deck war überfüllt.

Das Ehepaar Neumann kam in den USA zunächst bei Verwandten unter. Leo Neumann war das Leben in Freiheit und ohne Verfolgung aber nur einige Monate vergönnt. Geschwächt von einer schweren Krankheit und von der strapaziösen Flucht verstarb er am 19. April 1942.

Rosi Neumann arbeitete zeitweise noch als Fabrikarbeiterin. Wegen der Verfolgungsmaßnahmen und dem Vermögensentzug durch das Nazi-Regime bekam Rosi Neumann in den Nachkriegsjahren von der Bundesrepublik eine teilweise Entschädigung zugesprochen.

Der Erwerber ihres ehemaligen Grundstückes an der Drostenstraße in Varel musste eine „Ausgleichsabgabe“ bezahlen, da der Verkauf seinerzeit unter Zwang stattgefunden hatte. Rosi Neumann starb am 21. Mai 1963. Beide Eheleute sind auf dem jüdischen Friedhof West Arlington in New Jersey bestattet.

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