Jeverland Mehr als 50 Bürger Jevers haben am Samstag vor dem Gröschler-Haus an der Großen Wasserpfortstraße der Ereignisse des 9. November 1938 gedacht. Damals brannten überall in Deutschland die Synagogen – auch in Jever. Eine Gedenktafel am Gröschler-Haus erinnert daran, das Gebäude steht auf den Grundmauern der Synagoge.

Dass es gerade jetzt besonders wichtig ist, sich aktiv gegen Hass auf andere und gegen Gewalt einzusetzen, darauf wies Bürgermeister Jan Edo Albers hin. Erst vor wenigen Wochen hat es in Halle einen Anschlag auf eine Synagoge gegeben, der in einem Blutbad hätte enden können, wenn er denn so ausgeführt wäre wie geplant. Auch so haben zwei Menschen ihr Leben lassen müssen.

„Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit werden heute wieder kräftig geschürt, auch von Kräften, die inzwischen in deutschen Parlamenten sitzen“, hob Volker Landig, Vertreter der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, hervor. Eine großen Mehrheit der Bürger Deutschlands achte nach wie vor die Demokratie und die Toleranz. Diese Mehrheit der Gesellschaft müsse aktiv all denen Einhalt gebieten, die glauben, ihre Aggressionen ungehemmt herauslassen zu können, appellierte Landig.

Auf die Ereignisse des Jahres 1938 ging der stellvertretende Leiter des Schlossmuseums Andreas von Seggern ein. Die Pogromnacht sei kein spontanes Ereignis gewesen, wie die Nazis gern glauben machen wollten: „Es war eine von oben angeordnete Aktion.“ Und die brennenden Synagogen im ganzen Land bedeuteten auch das Ende einer Jahrhunderte langen Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland.

Ausgrenzung und Selektion waren damals ein wichtiges Herrschaftsinstrument der Nationalsozialisten. Diese Ausgrenzung nie mehr zuzulassen, ist Aufgabe der heutigen Gesellschaft, mahnte von Seggern. „Und Toleranz und Respekt können nicht von oben verordnet werden. Sie müssen aus uns selbst heraus entstehen“, so von Seggern.

„Nie wieder“, so hieß es in den vergangenen Jahren immer wieder bei den Gedenkfeiern zur Pogromnacht: Nie wieder sollten Taten wie damals möglich werden. Nun aber ist es doch passiert – der Angriff auf die voll besetzte Synagoge in Halle am höchsten jüdischen Feiertag ist erst wenige Tage her. „Wo haben wir als Gesellschaft versagt?“, fragte deshalb Gästeführer Werner Kleinschmidt am Samstag bei der Gedenkfeier zur Pogromnacht von 1938 in der ehemaligen Synagoge in Neustadtgödens.

Kleinschmidt warnte, der Judenhass sei in Deutschland wieder „an die Oberfläche gekrochen“. Die „Grenzen des Sagbaren sind nach rechts verschoben, angestoßen durch die Partei, die angeblich keiner wählt, die aber von Sieg zu Sieg eilt“, sagte er. Kreispfarrer Christian Scheuer sprach von „geistigen Brandstiftern im gutbürgerlichen Schafspelz“ und berichtete, dass vor nur wenigen Wochen eine Gruppe jüdischer Reisender in Wilhelmshaven nicht ohne Staatsschutz unterwegs sein konnten.

Viel zu lange habe man schon die Augen verschlossen, meinte Sandes Bürgermeister Stephan Eiklenborg. Dabei gehe es nicht nur um Juden. „Nazis töten Politiker, Nazis töten türkische Mitbürger“, sagte er. Man dürfe sich in Deutschland nicht mehr so sicher fühlen. Und „wir stehen nicht am Anfang einer Entwicklung, dieses Tun hat sich manifestiert.“ Es bleibe die Hoffnung, dass der größte Teil der Bevölkerung den gesellschaftlichen Konsens nicht verlasse. Alle Redner forderten zu mehr und deutlicherer persönlicher Stellungnahme auf. Jetzt. Die Ziele der Extremisten seien deutlich benannt, „Wer später sagt, er habe nichts gewusst, der lügt“, so Eiklenborg.

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