VAREL Der von den Nazis verfolgte Zimmerer stand schon in der Weimarer Republik für das demokratische Varel. Am 10. Dezember 1945 wurde er erster gewählter Nachkriegsbürgermeister.

Von hans begerow VAREL - Die meisten Passanten, die auf der B 437 durch Varel fahren, wissen nichts oder nur wenig von dem Namensgeber der großen Straße, die Varel quert. Dabei ist Adolf Heidenreich der erste gewählte Nachkriegs-Bürgermeister der Stadt Varel und steht sein Name für das demokratische Varel. Vor genau 60 Jahren, am 10. Dezember 1945, wurde Heidenreich zum Bürgermeister der Stadt Varel gewählt.

Die Parteien waren größtenteils noch gar nicht zugelassen, als die Alliierten im Herbst 1945 den Wiederaufbau demokratischer Strukturen in Deutschland ermöglichten. In Varel bestimmten die Kanadier zunächst 25 unbescholtene Bürger und ernannten sie zu Ratsmitgliedern. Darunter waren Sozialdemokraten wie Adolf Heidenreich, Heinrich Wullenkord (der sich schon in der Kaiserzeit für die SPD engagiert hatte), die Kommunisten Otto Hägebarth, Anton Börjes und Fritz Wendeler, aber auch Bürgerliche wie der Bürstenfabrikant Franz Wiggers. Am 31. Oktober waren sie zu einer ersten Sitzung zusammengekommen, wobei sie zunächst Ausschüsse bildeten (Haushalt, Schulen, Wohnungsfragen, Wohlfahrt, Bau, Stadtwerke). Die Probleme waren elementar: die um zahlreiche Flüchtlinge angewachsene Bevölkerung wollte mit Wohnraum und Kleidung sowie Nahrung versorgt werden, Wohnungen mussten gebaut – und nicht minder wichtig – mussten beheizt werden. Einige Probleme waren nicht für alle so elementar: Ratsmitglied

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Harm Meyer (SPD) bekam vom Rat ein Fahrrad gestellt, weil er wegen seiner Leibesfülle sonst wohl nicht vom Hafen in die Stadt gelangt wäre.

Auf der dritten Sitzung des ernannten Rats wurde Adolf Heidenreich mit großer Mehrheit zum Bürgermeister gewählt. Er löste den ernannten Bürgermeister Fritz Grundhoff ab, der zum Stadtdirektor gewählt wurde (und es bis 1948 blieb). Heidenreich und Grundhoff erhielten 21 von 23 Stimmen (bei zwei Stimmenthaltungen). Das überlieferte Sitzungsprotokoll vermerkt: „Herr Heidenreich nahm die Wahl an und dankte für das ihm bewiesene Vertrauen.“ Enthalten hatten sich beiden kommunistischen Ratsmitglieder Hägebarth und Börjes. Sie waren offenbar mit dem Zeitpunkt der Wahl nicht einverstanden. Ebenfalls gewählt wurden einige Tage später drei Mitglieder aus Varel für den Kreisausschuss. Es waren der Apotheker Hans von Cosel, die Kaufleute Bernhard Albrechts und Karl Gödecken. Albrechts war später einer der „Gegenspieler“ von Heidenreich, der es schaffte, den Sozialdemokraten zeitweise aus dem Amt zu drängen.

Später hatte der Rat mehr und mehr mit den „normalen“ Dingen des Alltags zu tun: Genehmigungen für Geschäfte, Ernährungslage, Anschaffungen – und im April 1946 Genehmigung der Verlängerung des Frühlingsfestes an beiden Ostertagen. Der Rat amtierte bis zum Herbst 1946. Nur ein Mitglied, Georg Oltmanns, wurde im April 1946 von der Kreismilitärregierung abgesetzt. Oltmanns war Mitglied im nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) gewesen. Im Herbst 1946 fand die erste demokratische Kommunalwahl statt. CDU und FDP traten auf einer gemeinsamen Liste an und erreichten bei einem geringen Vorsprung der Stimmen vor der SPD die absolute Mehrheit der Sitze: „Wegen des von den Briten eingeführten recht komplizierten damaligen Wahlsystems, einer Mischung aus Mehrheitswahlrecht und Persönlichkeitswahl, bdeutete dies aber nur sechs Mandate für die SPD, während die vereinigte bürgerliche Liste von CDU/FDP 15 Mandate erhielt“, schreibt der Historiker Holger Frerichs. Folge: Bernhard Albrechts (FDP)

wurde Bürgermeister (bis 1948).

In Varel-Land, damals eigenständige Gemeinde, war Landwirt Heinrich Wilken im Juli 1945 zum Bürgermeister ernannt worden. Er amtierte bis Herbst 1946. Ein ernannter Gemeinderat trat dort im September 1945 zusammen. Der erste durch die Kommunalwahl 1946 gewählte Gemeinderat in Varel-Land wählte im September 1946 den Schlosser August Osterloh (SPD) zum Bürgermeister. Er amtierte bis 1954.

Nach ihm ist übrigens eine andere Durchfahrtsstraße, die Bürgermeister-Osterloh-Straße in Büppel, benannt.

Mitglieder des ersten stadtrats in Varel und Varel-Land

Mitglieder des ersten ernannten Stadtrats in Varel:

Zimmerer Adolf Heidenreich, Kaufmann Jan Meyer, Zimmerer Peter Kieselhorst, Fuhrunternehmer Willi Brinkmann, Sattler Fritz Nöser, Arbeiter Willi Dabow, Dreher Heinrich Lüdemann, Maurer Gustav Oellien, Arbeiter Georg Hanser, Tischler Jacob Umsonst, Otto Hägebarth, Anton Börjes, Fritz Wendeler, Schiffsbauingenieur Willi von Häfen, Bürstenfabrikant Franz Wiggers, Julius Hinrichs, Steinmetzmeister Konrad Kirchmair, Viehhändler Bruno de Levie, Harm Meyer, Kuchenfabrikant Gustav Klaus, Elsbeth Speith, Lehrerin Antje von Cosel, Agnes Rudolph, Georg Oltmanns, Kaufmann Heinrich Wullenkord

Mitglieder des ernannten Gemeinderates in Varel-Land: Landwirt Heinrich Wilken (Rahling), Schlosser August Osterloh (Jethausen), Zimmerpolier Carl Onken (Dangastermoor), Landwirt Richard Brumund (Büppel), Kontrolleur Wilhelm Rosemann (Obenstrohe), Landwirt Heinrich Neumann (Rotenhahn), Maurer Konrad Schmoll (Dangast), Dreher Martin Martens (Langendamm), Landwirt Friedrich Möllenberg (Conneforde), Dreher August Theilken (Büppel), Landwirt Johann Müller (Rosenberg), Arbeiter Carl Duisberg (Dangastermoor), Landwirt Johann Behrens (Hohenberge).

Literatur: Holger Frerichs hat zwei Bücher zum Thema verfasst (Verlag Hermann Lüers, Jever): „Der Marsch ins Dritte Reich“ (400 Seiten, 23 Euro); „Das Kriegsende 1945 in Varel“ (17,60 Euro, 152 Seiten).

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