Varel Im Herbst des Jahres 1941 begannen die systematischen Massendeportationen deutscher Juden in die Ghettos und später auch in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten „im Osten“. Zu den ersten knapp 20 000 jüdischen Opfern, die im Oktober 1941 in 20 Transporten nach Lodz verschleppt wurden, zählten auch sechs jüdische Bürger, die in Varel lebten.

Wie kam es zurDeportation?

Am 22. Oktober 1941 ließ die Staatspolizeileitstelle Wilhelmshaven auf Anweisung des Reichssicherheitshauptamtes sechs Bewohner des jüdischen Altenheimes in der Schüttingstraße 13 Varel in das Ghetto Litzmannstadt transportieren. Von ihnen starben fünf bis zum April 1942 an den als „indirekte Vernichtung“ anzusehenden Lebensbedingungen im Ghetto, eine Frau wurde im Mai 1942 im nahe gelegenen Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof) im Gaswagen ermordet.

Wohin wurden die Juden aus Varel gebracht?

Ein von der Gestapo Wilhelmshaven bereitgestellter Bus brachte die sechs Opfer aus Varel (siehe Infobox links) zunächst am Donnerstag, 22. Oktober 1941, zum jüdischen Altenheim nach Emden, wo bereits weitere 116 jüdische Männer und Frauen aus Ostfriesland auf ihren Abtransport warteten. Beteiligt an der regionalen Vorbereitung und Überwachung der Deportation waren Beamte der Gestapo Wilhelmshaven, der Ordnungspolizei in Varel und Emden, der Finanzverwaltung (Finanzamt), Gerichtsvollzieher, Beamte der entsprechenden Reichsbahndienststellen sowie von Dienststellen der Stadtverwaltungen in Emden und Varel.

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Blieb die Deportationunbemerkt?

Der Abtransport blieb in der Vareler Bevölkerung nicht unbemerkt, wie durch spätere Zeugenaussagen in den „Wiedergutmachungsverfahren“ nach dem Kriege belegt ist. Die Opfer mussten eine Nacht in Emden verbringen, vom dortigen Bahnhof ging es dann für die nun 122 Personen am 23. Oktober 1941 weiter in die Reichshauptstadt Berlin. Hier hatte die Gestapo die ehemalige Berliner Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 im Stadtteil Tiergarten als weitere Sammelstelle eingerichtet, wo bereits einige Tage zuvor ein erster Berliner Transport nach Litzmannstadt abgefahren war und nun noch einmal knapp über 1000 jüdische Bürger auf den zweiten Berliner Transport nach Litzmannstadt warteten. Dieser Transport, er ist unter der Bezeichnung „Berlin II + Emden“ bekannt, verließ am 24. Oktober 1941 den Bahnhof Berlin-Grunewald und erreichte am folgenden Tag u.a. mit den sechs Varelern den Bahnhof Radegast am Rande des Ghettos Litzmannstadt.

Was mussten dieDeportierten erleiden?

Elend und Tod der Deportierten im Ghetto Lodz und im Gaswagen von Chelmno (Kulmhof): Das durch Mauern und Stacheldraht abgeriegelte Ghetto Litzmannstadt war von den Deutschen bereits im Februar 1940 für polnische Juden eingerichtet worden und im Herbst 1941 schon vor dem Eintreffen der Transporte aus dem Reichsgebiet mit über 160 000 Bewohnern bereits völlig überfüllt. Es herrschte drangvolle Enge in den heruntergekommenen Gebäuden, die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, die zugestandenen Lebensmittel reichten kaum zum Überleben und es grassierten Mangelkrankheiten und Epidemien. Insbesondere für die sogenannten „Westjuden“ waren die dortigen Verhältnisse ein Schock und eine tödliche Bedrohung und bald überstieg ihre Sterberate bei weitem die Zahlen der übrigen Ghettobewohner. Die im Herbst 1941 neu hinzukommenden deutschen Juden wurden zunächst in „Sammelunterkünfte“ gepfercht, die sechs Vareler kamen hierbei mit den übrigen Opfern aus dem Emder Transport in ein Gebäude in der Hertastraße 25. Dort starb Jette Weinberg als erste Deportierte aus Varel am 17. November 1941 im Alter von 45 Jahren. Im Dezember 1941 wurden die noch verbliebenen fünf Vareler in ein neu geschaffenes „Greisenheim II“ in der Gnesener Straße 26 verlegt, wo bis Mitte April 1942 weitere vier von ihnen den unsäglichen Lebensbedingungen im Ghetto zum Opfer fielen: Am 30. Januar 1942 starb Hermann Schulenklopper im Alter von 51 Jahren, am 27. März 1942 Ernst Weinberg im Alter von 42 Jahren, am 29. März 1942 Bertha Gröschler im Alter von 51 Jahren, am 16. April 1942 Sophie Gerson im Alter von 48 Jahren.

Gab es einenÜberlebenden?

Die bis zum Frühjahr 1942 einzige Überlebende aus der Gruppe der sechs Vareler, Mathilde Eichhold, geriet am 4. Mai 1942 in den ersten „Aussiedlungstransport“ reichsdeutscher Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt in das nahe gelegene Vernichtungslager Chelmno (Kulmhof). Dort waren schon seit Ende 1941 zunächst Bewohner der umliegenden jüdischen Gemeinden, dann polnische Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt in Gaswagen ermordet worden. Das dort eingesetzte SS-Sonderkommando hatte mit dieser Tötungsmethode bereits „Erfahrungen“ im Rahmen der sogenannten „Euthanasie“-Krankenmorde der Nazis sammeln können.

Was passierte mit demEigentum der Juden?

In Varel wurde am 5. November 1941 – nach einer entsprechenden Ankündigung in der Tageszeitung – das Hab und Gut der Deportierten im „Deutschen Haus“ am Neumarktplatz öffentlich versteigert. Es beteiligten sich viele Vareler Bürger aus allen Teilen der Bevölkerung, ihre Namen sind in den Versteigerungsprotokollen überliefert.

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