Zetel Es ist kalt – gerade mal neun Grad zeigt das Thermometer. Und es regnet. Schlechte Bedingungen für Sportschützen, Regen gilt schließlich als Präzisionskiller – und das ausgerechnet bei den Deutschen Meisterschaften in München. Eineinhalb Stunden muss Andrea Schultze-Süsens warten, bis sie endlich an der Reihe ist. Sie geht mit ihrem Kleinkalibergewehr zum Schießstand und fängt an.

Einen Schuss nach dem anderen versenkt sie in der Zielscheibe. Mitten im Wettkampf fängt ihre wenige Monate alte Tochter an zu schreien. Sie wird unkonzentriert aber ihr Mann schaltet schnell, geht mit der Kleinen spazieren. Andrea Schultze-Süsens fiebert dem Ende entgegen – auch weil es so kalt ist. Dabei rechnet sie sich ohnehin keine großen Chancen aus. Kleinkaliber liegend hat sie schließlich gar nicht trainiert.

Dann steht endlich der letzte Schuss an. Aber der will nicht raus. Immer wieder legt sie neu an und schießt dann doch nicht. Irgendwann ist es aber so weit: Sie zieht den Abzug und landet einen Volltreffer. Sie ist fertig und lugt zur Konkurrenz rüber. Alle anderen legen einen schlechteren Abgang hin.

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Kann das wirklich sein?

Die Zeit ist rum und es steht fest: Die Zetelerin nimmt eine Bronzemedaille mit nach Hause. „Damit hat wirklich keiner gerechnet“, sagt sie. Es ist eine kleine Sensation; besonders wenn man bedenkt, wie lang der Weg bis hierhin für Andrea Schultze-Süsens war.

Die Schießkarriere der 29-Jährigen beginnt vor mehr als 20 Jahren. Ihre Mutter war gerade gestorben. Andrea Schultze-Süsens wohnt von nun an bei ihren Großeltern. Nur etwa ein halbes Jahr später entscheiden sich die beiden, einem Schützenverein beizutreten. Und weil ihre Enkelin nicht allein zu Hause bleiben will, kommt sie halt mit – und nimmt bald selbst die Ziele ins Visier. Anfangs steht sie dafür noch auf einem Stapel Euro-Paletten, weil sie noch zu klein ist.

Andrea Schultze-Süsens hat ein Talent zum Schießen. Ihr Großvater fördert sie nach Kräften, lässt das Schießen selbst irgendwann ganz sein, während seine Enkelin eine Medaille nach der anderen holt und sich regelmäßig für die Deutschen Meisterschaften qualifiziert und dort gegen die Schützen antritt, die an den Olympischen Spielen teilnehmen.

Im Jahr 2008 bekommt ihr steiler Weg nach oben aber einen gewaltigen Knick. Nach einer Operation sammelt sich in ihren Armen und Beinen Wasser. Das schwere Gewehr kann sie kaum noch für die Dauer eines Wettkampfes halten. Weil das Wasser die Kniescheiben aufweicht, und sie nachgeben, braucht Andrea Schultze-Süsens nach dem Knieendschießen Hilfe beim Aufstehen. Sechs Jahre lang ging es so. Auf Dauer aber sah es so aus, als müsste sie den Schießsport ganz an den Nagel hängen.

„Das war wie ein Schlag in die Magengrube“, sagt sie. Nachdem sie schon ihre Mutter so früh verloren hatte, dachte Andrea Schultze-Süsens: „Die Karte für Pech hast du gebunkert.“

Dann kam Werner Fredehorst, Trainer beim SV Etzhorn. Er war gerade dabei, in seinem Verein eine Handicap-Gruppe aufzubauen und wollte Andrea Schultze-Süsens dabei haben. Die war anfangs skeptisch. Wollte sie wirklich in der Klasse für Menschen mit Behinderungen schießen? Zum Probetraining kam sie trotzdem – und war überglücklich, dass sie endlich wieder ihrem Sport nachgehen konnte. Aber: „Es ist ganz klar eine Überwindung gewesen, da hinzugehen.“

Den Handicap-Schützen hilft ein sogenannter Federbock, auf den das Gewehr abgelegt wird. Je nachdem wie schwerwiegend das Handicap ist, wird die Feder härter oder weicher eingestellt, so dass die Stütze viel oder wenig wackelt.

Andrea Schultze-Süsens konnte endlich wieder schießen, an Wettbewerben teilnehmen und sich auch ziemlich schnell wieder die ersten Medaillen sichern. Dafür ist sie dankbar. Schließlich auch der Überraschungserfolg bei der Meisterschaft in München, mit dem niemand gerechnet hatte – zumal Andrea Schultze-Süsens mitten in den Hochzeitvorbereitungen steckte und kurz zuvor noch ihr größter Förderer, ihr Großvater, gestorben war. „Ich hatte ein Ziel, für wen ich die Medaille mitbringen wollte.“

Christopher Hanraets Redakteur / Redaktion Varel
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