Jever Einen großen Bestandteil des Lebens von Aly Walaa El-Din stellt Tischtennis dar. Mehr noch: Der Sport hat dem Leistungsträger und der neuen Nummer zwei des Oberligisten MTV Jever auch über einen schweren Schicksalsschlag hinweggeholfen.

„Aly“, so der Rufname des in Kairo geborenen 37-Jährigen, lebt seit mehr als zehn Jahren in Deutschland und fing für heutige Verhältnisse erst recht spät mit Tischtennis an. „Ich war zehn Jahre alt, als ich den Schläger das erste Mal in die Hand genommen habe“, erklärt Walaa El-Din: „Vorher habe ich drei Jahre lang Karate gemacht, richtige Leidenschaft habe ich aber schließlich für Tischtennis entwickelt – bis heute.“

Walaa El-Dins Vater war Journalist und hat für die Zeitung in Kairo über diverse Sportarten berichtet, überwiegend aber über Fußball. Als Berichterstatter und gleichzeitig Sympathisant des Vereines Zamalek Sporting Club (Zamalek ist ein Stadtbezirk von Kairo und befindet sich auf dem nördlichen Teil der Insel Gezira) nahm ihn sein Vater zum Karate mit. Walaa El-Dins Bruder hat ihn aber dann für den Tischtennis-Sport begeistern können.

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Wie ein Besessener

„Ich habe sofort mit Karate aufgehört“, erinnert sich der sympathische Ägypter, der fortan wie ein Besessener trainierte. Die Erfolge mit seinem Verein Zamalek Sporting Club ließen nicht lange auf sich warten – sowohl mit der Mannschaft als auch im Einzel hat Walaa El-Din im Jugendbereich mehrfach die ägyptische Meisterschaft gewonnen. „1993 bin ich das erste Mal Jugendmeister geworden, auch für die Jugend-Nationalmannschaft bin ich damals rekrutiert worden“, erinnert er sich.

Um seiner Karriere neue Impulse zu geben, wechselte Walaa El-Din 1999 zum Ahly Sports Club, einem rivalisierendem Verein von Zamalek, und spielte dort im höchsten Männerteam. „Das ist vergleichbar mit den beiden deutschen Vereinen Dortmund und Schalke“, erklärt der Ägypter: „Zamalek und Ahly haben immer die arabische Meisterschaft unter sich ausgemacht. Bei Ahly hatte ich aber einfach bessere Möglichkeiten, die ich wahrnehmen wollte.“

Schon im selben Jahr gewann er als 19-Jähriger abermals die Arabische Meisterschaft, 2003/2004 folgte sogar der Triumph bei der Afrika-Meisterschaft mit dem Team sowie der Gewinn des Afrika-Pokals im Einzel. „Zu dieser Zeit waren wir viel in Afrika unterwegs. Mit dem Team haben wir meistens gegen Nigeria gespielt“, so Walaa El-Din.

Mutiger Schritt

Derweil kam aber auch das Studium an der Universität Kairo nicht zu kurz, der Masterabschluss in Sportwissenschaften gelang in 2004. Jedoch sollte ab diesem Zeitpunkt ein komplett neues Kapitel für den Ägypter folgen. „Es keimte die Idee in mir, nach Deutschland zu gehen und mich sowohl beruflich als auch sportlich weiterzuentwickeln“, sagt Walaa El-Din: „Es war natürlich für mich nicht einfach, meine Familie und Heimat zu verlassen, aber ich habe mich schließlich für diesen mutigen Schritt entschieden.“ Und nicht nur sportlich hat sich dieses „Experiment“ gelohnt, auch privat fand er in Leipzig sein Glück, als er seine spätere Frau kennenlernte.

„Ich habe zunächst bei den Leutzscher Füchsen in der Verbandsliga angeheuert und auch fünf bis sechs Jahre in Leipzig gelebt. An der dortigen Universität war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter“, erläutert Walaa El-Din.

Leben aus dem Koffer

Doch es sollte nicht sein einziger Verein bleiben, es folgten die Stationen SC Charlottenburg Berlin, TTC Holzhausen (beide Regionalliga) und TTC Fortuna Passau (2. Bundesliga). „Ich habe größtenteils aus dem Koffer gelebt, bin mit dem Auto mehrere hundert Kilometer zu den Punktspielen gefahren.“ Nach Passau benötigte er etwa stets acht Stunden.

2012 folgte der Umzug nach Lüneburg, weil er unter anderem eine Forschungstätigkeit an der Universität Hamburg aufnahm und gleichzeitig als Dozent für Sport an der Universität Kairo anfing. Derweil engagierte ihn der SV Siek, für den er für kurze Zeit in der Regionalliga an der Platte stand.

Doch ein schwerer Schicksalsschlag zwang ihn, wieder zurück nach Ägypten zu gehen und die damals laufende Saison zu unterbrechen: Sein Vater starb. „Ich wollte meiner Familie beistehen, Trost und Kraft spenden“, erklärt Walaa El-Din: „Ich habe dort aber auch wieder in der ägyptischen Liga gespielt und bin monatlich zwischen Ägypten und Deutschland gependelt.“

Ein Jahr später schließlich widerfuhr Walaa El-Din großes Glück, als er am Profi-Training des Bundesligisten Werder Bremen teilnehmen durfte. „Trainer Christian Tamas und Manager Sascha Greber kannten mich von internationalen Wettkämpfen. Ich habe mich bei ihnen vorgestellt, und beide haben mich herzlich aufgenommen. Bis heute unterstützen sie mich. Dafür möchte ich mich sehr bedanken“, sagt der Ägypter, der nahezu jeden Tag in Bremen trainiert. „Tischtennis ist meine Droge. Sie hat mich wiedergeboren“, betont er.

Glücklich in Jever

So war es schließlich dieses Bremer Zweigestirn, das den Kontakt zum MTV Jever herstellte – mit der Folge, dass Walaa El-Din den Drittligisten TTC Düppel nach der Saison 2015/2016 verließ. „Ich bin sehr glücklich in Jever samt professionellem Umfeld. Ich bin super aufgenommen worden, wobei ich insbesondere Torsten Hinrichs und Familie danken möchte“, betont er. Bei Heimspielen etwa reist Jevers neue Nummer zwei in der Regel freitags an und übernachtet bei Familie Hinrichs, die ihm Kost und Logis stellt. Auch Topmann Andrey Milovanov ist dort einquartiert.

In der Tabelle rangieren die Jeveraner zurzeit mit 8:6 Zählern auf dem sechsten Tabellenplatz. „Dennoch ist unser Ziel, wieder aufzusteigen – auch wenn das Niveau in der Oberliga inzwischen Züge einer Regionalliga annimmt“, sagt Walaa El-Din und fügt hinzu: „Wir müssen einfach weiter Gas geben.“

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