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Zetel Hoffnungsvoll und angriffslustig macht sich Andrea Schultze aus Zetel an diesem Sonnabend auf den Weg zu den deutschen Meisterschaften der Sportschützen nach München. Qualifiziert hat sich die 27-Jährige, die in der Handicap-Klasse für den SV Etzhorn antritt, dank starker Leistungen bei den Landesmeisterschaften für drei DM-Wettbewerbe auf der Olympia-Schießanlage in Hochbrück. „Ohne die Unterstützung meiner Familie, insbesondere durch Oma und meinen Bruder, sowie durch meinen Verein hätte ich die Teilnahme schon finanziell gar nicht stemmen können“, sagt sie mit Blick auf die lange Anreise und einwöchige Unterbringung in einem Hotel.

Drei DM-Wettkämpfe

Am kommenden Montag tritt Schultze zunächst mit dem Luftgewehr stehend (Kennzahl R 4) an. Am Sonnabend, 5. September, ist sie ebenfalls auf der Distanz von zehn Metern mit dem Luftgewehr liegend (R 5) in Aktion, ehe am Abend der Wettkampf mit dem Kleinkaliber liegend (R 9) folgt, bei dem die Distanz 50 Meter beträgt.

„Mein Ziel ist eine Medaille – die Farbe ist mir egal“, betont Schultze. „Silber würde farblich am besten passen“, fügt sie mit Blick auf die beiden DM-Medaillen in einer Vitrine im heimischen Wohnzimmer hinzu. Als Zwölfjährige hatte Schultze bei ihrer DM-Premiere im Jahr 2000 mit dem Luftgewehr gleich überraschend Bronze in der Schülerklasse gewonnen. Drei Jahre später holte sie Gold mit der Luftgewehr-Mannschaft des SV Leuchtenburg.

Da war die Welt für die Zetelerin – die seit 18 Jahren im Schießsport aktiv ist, sich von 2000 bis 2007 regelmäßig für die DM qualifizieren konnte und in den „normalen“ Klassen noch immer zwei Landesrekorde hält – noch in Ordnung. Dann kam es nach einer Operation 2008 plötzlich zu gesundheitlichen Komplikationen. „In meinen Beinen und Armen sammelte sich Flüssigkeit an, sie wurden dicker, die Knie bereiteten immer mehr Probleme – schließlich wurde ein Lymphödem festgestellt“, erzählt die Zetelerin von der niederschmetternden Diagnose.

Dies hatte auch Auswirkungen auf den Sport. Nach der Erkrankung wurden ihre Schießergebnisse immer schlechter, auch weil sie das 4,5 Kilogramm schwere Luftgewehr und die 6,5 Kilogramm schwere Kleinkaliber-Sportwaffe auf Wettkampfdauer nicht mehr ruhig genug halten konnte. Schultze: „Es war einfach frustrierend.“

Die Wende kam schließlich dank Werner Fredehorst, Vereinspräsident und Trainer beim SV Etzhorn, der Schultze nach langem Werben im April 2014 dazu überreden konnte, sich dem Oldenburger Verein anzuschließen. Dieser hat eine eigene Handicap-Gruppe gebildet und schreibt Inklusion im Vereinsleben groß.

„Werner lebt für die Sache, hat Sponsoren gesucht und ist unser wichtigster Ansprechpartner im Training und Wettkampf“, sagt Schultze. „Jetzt habe ich wieder richtig Spaß daran, bin ein ganz anderer Mensch geworden“, freut sich die 27-Jährige darüber, dass ihr der Schießsport wieder richtigen Halt gibt. „Ohne den Sport wäre das alles nicht vorstellbar.“

Treibende Kraft

Eine weitere treibende Kraft war und ist Ingrid Schultze (78), zu ihrer aktiven Zeit selbst eine äußerst erfolgreiche Schützin, die noch immer diverse Bezirksrekorde hält. „Meine Oma hat mich als Kind irgendwann einfach auf die Anlage in Bohlenbergerfeld mitgenommen. Durch sie bin ich zum Schießsport gekommen“, berichtet Andrea Schultze, deren Mutter Ute vor 19 Jahren verstorben ist.

Seitdem wohnt Andrea Schultze bei ihren Großeltern in Zetel. „Ich bin Ingrid sehr dankbar für die Motivation und Unterstützung – für alles. Ohne sie hätte ich mir auch die ganze Ausrüstung nicht leisten können.“ Dazu zählt neben einem elf Jahre alten Luftgewehr („Ich habe neue Modelle ausprobiert, war damit aber nicht zufrieden – das bleibt mein Gewehr!“) und einer Schutzweste, an der auf dem Rücken ein kleiner Glücksbringer baumelt, auch ein genau auf ihre individuellen Bedürfnisse abgestimmter Tisch und Federbock.

Nun tritt Schultze, die über Vereinsstationen in Bohlenberge, Obenstrohe, Hahn und Leuchtenburg in Etzhorn gelandet ist, bei der DM in der Handicapklasse SH 2 an, in der Schützen mit Benachteiligungen in den Oberarmen und teilweise im Oberkörper zusammengefasst sind. Beim SV Etzhorn findet sie auf der modernen Anlage an der Wilhelmshavener Heerstraße in Oldenburg die besten Trainingsbedingungen vor.

„In der Handicap-Gruppe gab es eine regelrechte Leistungsexplosion“, berichtet Schultze mit Blick auf gleich neun Starter ihres Schützenvereins bei den deutschen Meisterschaften. Im Vorjahr war sie das erste Mal in der Handicap-Klasse bei der DM aktiv, wurde mit dem Kleinkaliber liegend Zehnte und landete mit dem Luftgewehr liegend auf dem 18. Platz.

Knoten geplatzt

Nun nimmt sie ein noch besseres Abschneiden ins Visier. Die größten Chancen rechnet sich die Zetelerin mit dem Luftgewehr liegend aus. „Da ist bei mir der Knoten so richtig geplatzt“, erläutert Schultze, die in dieser Disziplin gemeinsam mit Vereinskameradin Silvia Huesmann gar den aktuellen Landesrekord hält. Bei den Landesmeisterschaften hatten die beiden 599 von 600 möglichen Ringen getroffen – bei beiden verhinderte eine einzige 9,9 das absolut perfekte Gesamtergebnis. Bei den Sportschützen ist das höchste Ergebnis eines Schusses eine 10,9. „Bei einem Treffer unter 10,5 werde ich schon etwas grimmig“, erklärt die 27-Jährige.

Bei ihr brachte ein Kadertraining im April mit dem deutschen Nationalteam im Bundesleistungszentrum in Suhl (Thüringen) noch einmal einen kräftigen Leistungsschub. „Das war wie Weihnachten, ganz früh vorverlegt“, berichtet Schultze von der fruchtbaren Zusammenarbeit mit Bundestrainer Rudi Krenn. So veränderte sie vor allem ihren Anschlag – mit großem Erfolg. „Vorher habe ich im Schnitt fünf bis sechs Ringe weniger geschossen.“

Zuletzt gab ihr das Kadertraining beim Niedersächsischen Sportschützen-Verband (NSSV) in Hannover weiteres Selbstvertrauen. Dort gelangen ihr in ihrer Paradedisziplin nacheinander 597, 598 und 599 Ringe. „Ich bin gut genug vorbereitet, werde jetzt noch ein bisschen entspannen und fahre am Sonnabend mit einem guten Gefühl zur deutschen Meisterschaft.“

Henning Busch Lokalsport / Redaktion Friesland
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