Varel Mehr Dramatik geht nicht: Mit dem allerletzten Wurf eines ebenso packenden wie nervenzehrenden Abstiegskrimis, der seinem Namen alle Ehre machte, haben die Drittliga-Handballer der HSG Varel-Friesland am Sonnabend beim SV Beckdorf ihren Auswärtsfluch beendet und erstmals nach einem halben Jahr wieder in fremder Halle einen Sieg feiern können. Mehr noch: Durch den überlebenswichtigen 31:30 (14:13)-Erfolg gegen den direkten Konkurrenten im Abstiegskampf haben die Vareler nun wieder einige Trümpfe für den erhofften Ligaverbleib in der Hand.

Nicht nur, dass die Mannschaft von HSG-Coach Andrzej Staszewski das Polster vor dem ersten Abstiegsplatz, den damit weiterhin der SVB besetzt, drei Spieltage vor Saisonende auf zwei Zähler ausgebaut hat. Zudem gewannen die Friesen, die bereits im Hinspiel gegen Beckdorf die Oberhand behalten hatten (35:29), auch den direkten Vergleich. Dieser kommt am Saisonende bei Punktgleichheit zum Tragen.

Damit sieht es aktuell für den SVB, der mit den verbleibenden Spielen in Altenholz, gegen Springe und am letzten Spieltag beim ebenfalls noch voll in den Abstiegskampf involvierten OHV Aurich zudem das mit Abstand schwerste Restprogramm aller noch gefährdeten Teams aufweist, ganz düster aus.

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Dementsprechend fassungslos griffen sich die Beckdorfer Spieler unmittelbar nach dem Ende der Partie, die zuvor hin- und her gewogt hatte, an die Köpfe, gingen entsetzt zu Boden und konnten ihr Unglück kaum fassen. Soeben hatte HSG-Routinier Martins Libergs das höchstseltene Kunststück fertiggebracht, einen nach Schlusspfiff noch direkt auszuführenden Neunmeter im gegnerischen Gehäuse unterzubringen.

Der 35-jährige Lette hatte den Ball mit aller Wucht an der Beckdorfer Abwehrmauer vorbei ins lange Eck gedonnert. Das Leder knallte an die Unterkante der Latte, danach an den Rücken des Beckdorfer Schlussmanns und von dort aus zum 31:30-Sieg ins Tor. Dann gab es auf Vareler Seite kein Halten mehr: Die Spieler um HSG-Kapitän Helge Janßen sprangen wild durcheinander und begruben Libergs in einem riesigen Knäuel unter sich – wohlwissend, dass dessen Treffer der vielleicht schon entscheidende Durchbruch zum Klassenerhalt gewesen sein könnte.

„Das war sensationell und der Höhepunkt eines absolut verrückten Spiels“, jubelte Andrzej Staszewski, nachdem er sich eine Stunde nach dem Abpfiff so langsam wieder von den nervlichen Strapazen dieses „Endspiels“ erholt hatte. „Eigentlich müsste ich nach dieser Partie mit der Rentenkasse Kontakt aufnehmen – ich bin um Jahre gealtert.“

Dann lobte der überglückliche HSG-Coach sein gesamtes Team: „Jeder hat sein Steinchen zu diesem wichtigen Werk in Beckdorf beigetragen. Der Sieg ist nicht nur zwei, sondern drei Punkte wert.“ In den 60 Spielminuten hatte sich keine Mannschaft bei wechselnden Führungen um mehr als drei Tore absetzen können. Angeführt vom agilen Marek Mikeci (8 Treffer), waren die Gäste 14:11 (28.) in Führung gegangen. Sie mussten die Beckdorfer, bei denen neben Linksaußen und sicheren Siebenmeterschützen Henning Scholz (11/7) der Linkshänder Stefan Völkers (7) am häufigsten traf, aber zur Pause wieder auf einen Treffer herankommen lassen.

Nach Wiederbeginn brachte ein Hattrick von Oliver Staszewski die Vareler, bei denen Torwart Andre Seefeldt (14 Paraden) trotz einer Fußverletzung und der Rückraumhüne Torben Lemke (2) trotz eines ausgekugelten Daumens auf die Zähne bissen und Routinier Vaidas Dilkas aushalf, mit 17:14 in Front. Danach verloren die Gäste allerdings völlig den Faden, und Beckdorf zog mit einem 7:1-Lauf nun seinerseits davon – 21:18 (41.).

„Kompliment an das ganze Team, dass es trotz des großen Drucks weiter an sich geglaubt hat“, lobte Andrzej Staszewski und bezog damit auch die 40 mitgereisten HSG-Fans mit ein: „Ein riesiges Dankeschön – sie haben uns wahnsinnig toll unterstützt; auch wenn wir es natürlich nicht so spannend machen wollten.“

So schlug die HSG mit einem 5:1-Lauf auf 26:24 (51.) zurück. Doch es ging weiter hin und her: Zunächst brachte Maris Versakovs, den die Vareler mit einer 4:2-Deckung ansonsten bestens im Griff hatten, die Hausherren mit seinem einzigen Treffer des Abends 27:26 in Führung (54.). Diese holte sich Mikeci mit seinem achten Tor wieder zurück – 29:28 (56.).

Dann kam auch noch Farbe ins Spiel: Nachdem Beckdorfs erfolgreichster Schütze Scholz Varels Dilkas beim Wurf gefoult hatte, zeigten ihm die Unparteiischen sehr zum Ärger der Gastgeber die Rote Karte (57.). Zwar scheiterte Libergs danach vom Siebenmeterstrich – es war der insgesamt vierte verworfene Strafwurf der Vareler an diesem Abend. Doch behielt er im Nachwurf die Nerven und markierte das 30:28 (58.).

Aber die Dramatik nahm ihren Lauf, als Beckdorf abermals ausglich – 30:30 (59.). Den möglichen Führungstreffer der Hausherren verhinderte danach Seefeldt mit zwei Paraden. Die HSG kam noch einmal in Ballbesitz, und Staszewski nahm 15 Sekunden vor dem Ende eine Auszeit. „Ich habe den Jungs gesagt, dass ein Punkt schon Gold wert ist, und sie die Ruhe bewahren sollen“, erläuterte Staszewski. Gesagt, getan: Statt eines überhasteten Wurfes, ließen sich die Vareler in der Abwehr festmachen. So fiel ein letzter Neunmeterpfiff in der letzten Sekunde der regulären Spielzeit.

Auf den Plätzen in der Beckdorfer Sporthalle hatte es da schon längst keinen mehr gehalten. Während sich sechs SVB-Spieler am Wurfkreis zu einer eigentlich unüberwindbaren Mauer aufbauten, nahm sich Libergs den Ball. Dann folgte der alles entscheidende Wurf in die Vareler Glückseligkeit.

Henning Busch Lokalsport / Redaktion Friesland
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